Die Geisterbahn von Bad Ems – ein Lost Place und sein Geheimnis
Spektakulär ist der Blick in die Tiefe: Steht man oben an der Bergstation der einstigen Malbergbahn, schaut man auf die alte Trasse der einst steilsten Wasserballastbahn Deutschlands. Mit einer Steigung von bis zu 54,5 Prozent war die Bahn bis 1979 in Betrieb. Ich erinnere mich noch, wie meine Eltern mit mir als Kind während ihres Kur-Aufenthaltes in Bad Ems hier gefahren sind. Das war in den 1970er Jahren.
Doch eines Tages kam der TÜV und stellte im Jahr 1979 erhebliche technische Mängel fest. Die Stadt Bad Ems (#anzeige) verfügte zu dieser Zeit, trotz ihres Ruhms als Kurhauptstadt Europas, erstaunlicherweise nicht über die finanziellen Mittel, um eine notwendige Sanierung durchzuführen. Das war das Ende der Bahn, die fast hundert Jahre lang in Betrieb gewesen war. Der Stadtrat entschied am 20. Juni 2000, die Bahn nicht wieder in Betrieb zu nehmen. 1981 war sie zusammen mit der Berg- und Talstation als Zeugnis früher Ingenieurskunst noch unter Denkmalschutz gestellt worden.

Der Waggon an der Bergstation.
Was die Seilbahn mit der Spielbank zu tun hat
Heute ist die Malbergbahn ein ganz besonderer Lost Place und steht für den einstigen Glamour von Bad Ems als Kurort. Angefangen hatte alles im Jahr 1872. Die Stadt hatte beschlossen auf dem 350 Meter hohen Malberg ein Hotel zu errichten. Grund dafür war die Schließung der historischen Spielbank (1720 eröffnet) im selben Jahr gewesen. Sie war Deutschlands älteste konzessionierte Spielbank gewesen. Die originalen Roulette-Tisch aus dem Eröffnungsjahr kann man noch heute im Stadtmuseum von Bad Ems besichtigen.
Die strengen preußischen Moralvorstellungen hatten zur Schließung geführt. Die Preußen hatten ein generelles Verbot für Spielbanken erlassen, nachdem sie 1866 an die Macht gekommen waren. So musste der Betrieb im Marmorsaal des Kurhauses eingestellt werden und die Gäste blieben aus. Die Schließung war jedoch nicht von Dauer, denn ein Jahrhundert später wurde die Spielbank im Jahr 1987 im kleinen Konzertsaal des Kursaalgebäudes wiedereröffnet.

Die Stadtväter wünschten sich eine Seilbahn
1872 kamen die Stadtväter also zu dem Schluss, dass eine neue Attraktion her musste. Zudem gewann der Begriff Luftkurort immer weiter an Bedeutung. So fasste man den 350 Meter hohen, über Bad Ems liegenden Malberg ins Auge, um dort ein Hotel zu errichten. Um dieses Hotel erreichbar zu machen wurde der Bau einer „Standseilbahn mit Wasserübergewichtsantrieb“ (Wasserballastbahn) beschlossen. Am 5. Juni 1887 feierten Malbergbahn und Hotel ihre Inbetriebnahme.
Die Malbergbahn wurde allein durch die Schwerkraft angetrieben. Es gab nur zwei Wagen, die mit einem Zugseil verbunden und mit jeweils einem Ballastwassertank ausgestattet waren. Der Tank im oberen Wagen wurde mit Wasser befüllt, sodass er beim Herunterfahren durch das zusätzliche Gewicht den anderen nach oben zog. So musste neben dem Hotel ein Teich als Wasservorrat angelegt werden. Dieser kleine künstliche See, der von der Lahn gespeist wurde, ist noch heute zu sehen.

Die Reste des Wasserspeichers.
Wasser als Ballast
Die Geschwindigkeit regulierte eine Leiterzahnstange, ebenso die Bremsung. Bei Stillstand der Fahrzeuge wurde zusätzlich die Feststellbremse genutzt. Die zweigleisige Strecke hatte eine Spurbreite von einem Meter und war 520 Meter lang. Sie überwand bei einer maximalen Steigung von 54,5 Prozent einen Höhenunterschied von 260 Metern. Ihre Höchstgeschwindigkeit lag bis 1963 bei sieben Stundenkilometern. Ab 1963 erreichte sie sogar zwölf Stundenkilometer, die Durchschnittsgeschwindigkeit betrug 5,4 Stundenkilometer.
Bis zu 400 Personen wurden täglich zur Bergstation befördert. Sie besuchten nicht nur das Hotel, sondern auch die anderen Attraktionen, die man auf dem Berg angelegt hatte. So wurde die Malbergbahn zu einem touristischen Anziehungspunkt und war lange Jahre das Wahrzeichen von Bad Ems. Zuletzt wurden über 70.000 Fahrgäste gezählt.

Die verlassene Bergstation der Malbergbahn.
Die Seilbahn war die Lebensader des Ausflugslokals
An der Bergstation gab es neben dem Hotelbetrieb zusätzliche Attraktionen wie ein Café, den künstlichen See, ein Tierpark und einen Aussichtsturm. Das Hotel selbst entwickelte sich rasch zum Inbegriff des mondänen Ausflugstourismus. Doch als die Malbergbahn stillgelegt wurde, brach für das Hotel auf dem Berg die Lebensader ab. Ohne den bequemen Transportweg blieben die Gäste aus. Während Teile der Gebäude über die Jahre verfielen, abgerissen wurden oder ausbrannten, blieb die Bergstation als letztes echtes Relikt dieser Ära einsam auf dem Berg zurück.
Die Bahn wurde nach der Stilllegung im Jahr 1999 oberflächlich renoviert. Der Stadtrat beschloss jedoch am 20. Juni 2000, die Bahn nicht wieder in Betrieb zu nehmen. So findet sich heute ein Wagen der Bahn auf der Bergstation, die wegen Einsturzgefahr gesperrt ist. Von dem Wagen sind nur das metallene Skelett und zerfetzte Sitze übrig. Der Blick reicht auf die steil herabfallenden alten Schienenwege.

Die Talstation wurde inzwischen saniert
Der andere Wagen steht in der Talstation und ist inzwischen saniert worden. Seit 1982 bemüht sich ein Förderverein mit rund 150 Mitgliedern um den Erhalt und die Wiederinbetriebnahme der Malbergbahn. So wurden die Talstation und der dortige Wagen im Jahr 2014 renoviert und werden heute als Café genutzt. Und auch die Bergstation sollte wiederbelebt werden. So beschloss der Stadtrateim Jahr 2019, die Bergstation an ein privates Gastronomen-Paar zu verkaufen.
Das historische Gebäude sollte saniert und wieder nutzbar gemacht werden. Weil jedoch über zwei Jahre hinweg keinerlei Baufortschritt stattfand, zog die Stadt ihr Verkaufsangebot im Frühjahr 2021 wieder zurück. Seitdem verfällt das denkmalgeschützte Gebäude immer weiter. Es gab zwar Notmaßnahmen zur Entlastung des alten Fachwerks, aber eine dauerhafte Sanierung hin zu einem Wohnhaus oder Café ist wegen der immensen Kosten und strengen Denkmalschutzauflagen bislang nicht realisiert worden.

Die Talstation der Malbergbahn.
Die Bergstation ist nur zu Fuß zu erreichen
Ein Grund dafür, dass sich kaum Investoren für das Projekt finden, liegt in der schweren Erreichbarkeit der Bergstation. Da die Standseilbahn vermutlich nie wieder fahren wird, ist nicht nur der Transport von Baumaterialien zur Bergstation logistisch sehr aufwendig, sondern auch die Gäste gelangen nur über Wanderwege nach oben. Während die Talstation dank des Fördervereins als Café Eckstein floriert, bleibt die Bergstation somit bis auf Weiteres ein blockierter Lost Place.
Unweit der Bergstation finden sich weitere Überbleibsel des einstigen Ausflugsziels. Wanderer können noch heute auf den hölzernen Malbergturm steigen, von dem aus man einen tollen Rundblick über das Lahntal und Bad Ems hat. Und auch der kleine See, der einst angelegt wurde, um das Gegengewicht der Malbergbahn mit Wasser zu füllen, ist noch vorhanden, aber zugewachsen und teilweise verlandet. Hier wurde der Wassertank des oberen Waggons mit Wasser befüllt, um durch das zusätzliche Gewicht den leichteren Wagen aus dem Tal nach oben zu ziehen. Unten angekommen, wurde das Wasser in die Lahn abgelassen.

Es war einmal
Auch Reste des einstigen Tiergeheges finden sich noch auf dem Gipfel des Malbergs. Das Gehege wurde zur Unterhaltung der Touristen ab dem späten 19. Jahrhundert angelegt. Neben Rehen und Wildschweinen gab es dort auch Volieren für Vögel und kleinere Tierarten. Das Ganze war ein fester Bestandteil der Parkanlagen rund um das Ausflugshotel. Heute findet man noch Überreste der gemauerten Fundamente und verfallene Volieren.
Auch wenn die Malbergbahn für immer verloren scheint, existiert in Bad Ems eine moderne Standseilbahn: die Kurwaldbahn. Sie wurde 1979 in Betrieb genommen — also zum gleichen Zeitpunkt, als die Malbergbahn den Betrieb einstellte. Die Kurwaldbahn überwindet eine Höhe von 132 Metern auf einer Streckenlänge von etwa 220 Metern und gehört mit einer Steigung bis zu 78 Prozent zu den steilsten Standseilbahnen weltweit. Sie führt auf die etwa 240 Meter hohe Bismarckhöhe, so sich unter anderem der Bismarckturm befindet.

Die Reste der Volieren.
Die Heilquellen von Bad Ems
Die Landschaft um Bad Ems ist geprägt von einer weltweit einzigartigen geologischen Zusammensetzung, denn die Stadt liegt auf einem sogenannten Heilquellensattel. Aus diesem sprudeln 15 staatlich anerkannte Heilquellen. Sie sind sogenannte alkalisch-muriatische Thermalsäuerlinge. Diese sind eine Kombination aus Natrium, Hydrogencarbonat und Chlorid, die in Deutschland einzigartig ist. Zudem gibt es in Bad Ems mit dem Robert-Kampe-Sprudel eine besonders heiße Quelle, die mit 57 Grad aus der Erde quillt und damit zu den heißesten Quellen Deutschlands gehört.
Durch den hohen Anteil an Hydrogencarbonat wirkt das Wasser beim Inhalieren und Gurgeln stark schleimlösend, entzündungshemmend und säurepuffernd. Aus dem Quellsalz werden auch die weltbekannten Emser Pastillen hergestellt. Das Emser Krähnchen und die Römerquelle dienen traditionell alsTrinkkuren bei Magen- und Darmproblemen. Sie binden überschüssige Magensäure und regulieren die Verdauung. Für den Bewegungsapparat sorgt das Thermalbad mit seiner natürlichen Wärme. Gelöste Kohlensäure fördert die Entlastung der Gelenke und eine gesteigerte Durchblutung.

Blick vom Malbergturm.
Bad Ems als Kurhauptstadt Europas
Die Tradition als Heilbad reicht in Bad Ems viele Jahrhunderte zurück, was die Stadt zu einem Teil des UNESCO-Welterbes macht. Schon im 19. Jahrhundert wurde als Kurhauptstadt Europas gefeiert. Kaiser Wilhelm I., der russische Zar Alexander II., Johann Wolfgang von Goethe und Fjodor Dostojewski reisten regelmäßig zur Kur an. Neben den körperlichen Kuren, genoss man in Bad Ems auch das gesellschaftliche Leben auf der noch heute prunkvollen Kurpromenade und im historischen Kurhaus.
Lost Places wie die die Malbergbahn erzählen jedoch eine Geschichte vom Wandel der Zeit, vom Aufstieg einer Kurstadt bis hin zur Verblassung des alten Glanzes. Dazu beigetragen hat nicht zuletzt der Wille der Menschheit immer weiter, größer und schneller zu reisen. Die Heimat ist uninteressant geworden angesichts der Möglichkeit, für relativ wenig Geld ans andere Ende der Welt zu jetten. Dieser Trend hat der Tourismusbranche zu einem großen wirtschaftlichen Aufschwung verholfen. Umwelt und Klima indes leiden mit jedem geflogenen Kilometer ein kleines bisschen mehr.









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