Bonn – was Chinaschiff und Bundesbüdchen gemeinsam haben
Über Jahrzehnte gehörte das so genannte Chinaschiff zu den bekanntesten Wahrzeichen am Beueler Rheinufer in Bonn. Die „Oceans Paradise“ liegt dort vor Anker und war in der Vergangenheit weit mehr als nur ein Gastronomiebetrieb. Sie war ein fester Bestandteil des Stadtbildes. Für viele Menschen war das Restaurantschiff etwas Besonderes: chinesisches Essen auf einem im Rhein liegenden Schiff, das bis 2012 während des Essens Rundfahrten mit den Gästen veranstaltete. Das gab es nicht so oft und so steigerte sich eine Beliebtheit. Doch nun ist das Chinaschiff zum Lost Place geworden.
Im Oktober 2023 endete jedoch abrupt die Ära des Chinaschiffs. Nach Jahrzehnten schloss die Betreiberfamilie mangels Nachfolger das Restaurant dauerhaft. Für viele Menschen in Bonn (#Anzeige) war dies das Ende eines Stücks Stadtgeschichte. Die Schließung war einem Generationswechsel innerhalb der Betreiberfamilie Zhang, wirtschaftlichen Herausforderungen, dem hohen Aufwand für den Betrieb eines großen Restaurantschiffs sowie notwendigen Investitionen geschuldet.

Das Chinaschiff war einst eine Autofähre
Das knapp 42 lange und zwölf Meter breite Chinaschiff mit seinen bis zu 250 Plätzen war nicht immer ein Gastronomiebetrieb gewesen. Die bewegte Vergangenheit der Ocean Paradise begann im Jahr 1929. Gebaut wurde es als Autofähre namens „Königswinter II“. Lange bevor es die heutigen Brückenverbindungen gab, transportierte das spätere Chinaschiff Fahrzeuge und Passagere über den Rhein. Das ging noch so bis in die 1980er Jahre hinein.
Unter den Passagieren befanden sich teilweise prominente Persönlichkeiten und Staatsgäste der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland, die das bis dato etwas verschlafene Bonn von heute auf morgen weltberühmt machte. Zwar hatte sich die Geburtsstadt Ludwig van Beethovens durch die Gründung der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität im Jahr 1818 bereits zu einer angesehenen Universitäts- und Beamtenstadt entwickelt. Jedoch fehlte ihr jegliche politische oder wirtschaftliche Bedeutung.

Spiegelbild Dt. Bundestag – Spiegelbilder stehen für eine trügerische Realität.
Welche Stadt wird Regierungssitz?
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in welchem auch die Fähre versenkt und später wieder gehoben worden war, liefen umfangreiche Gespräche darüber, welches der beste Regierungssitz der jungen Bundesrepublik sein könnte. Frankfurt am Main galt für Viele als die beste Wahl, weil es größer und wirtschaftlich bedeutender war, als das verschlafene Bonn. Für Letzteres sprachen indes seine überschaubare Größe, die Lage in der britischen Besatzungszone und die Nähe zum Parlamentarischen Rat.
Zudem war der in Rhöndorf (Bad Honnef) lebende erste Bundeskanzler Konrad Adenauer eng mit der Rheinland verbunden. Auch wollte man bewusst keine Hauptstadt schaffen, die den Eindruck einer endgültigen Teilung Deutschlands erwecken könnte. Bonn wurde deshalb als „provisorische Hauptstadt“ verstanden, bis eine Wiedervereinigung Deutschlands möglich sein würde. So entschied sich am 10. Mai 1949 der Parlamentarische Rat beziehungsweise später der Deutsche Bundestag für Bonn als vorläufigen Sitz der Verfassungsorgane.

Bonn war klein und unbedeutend
Obwohl Bonn mit rund 100.000 Einwohnern vergleichsweise klein war, wurde die Stadt zum Mittelpunkt der westdeutschen Demokratie. Internationale Staatsgäste wurden hier empfangen, wichtige politische Entscheidungen getroffen und die Außenpolitik der Bundesrepublik gestaltet. Der Regierungsbetrieb veränderte das Stadtbild erheblich: Neue Ministerialgebäude entstanden, Wohngebiete wurden erweitert und die Infrastruktur ausgebaut.
So diente das zwischen 1858 und 1860 als repräsentatives Wohnhaus für den Fabrikanten Aloys Knops errichtete Palais Schaumburg, das später auch Prinz Adolf zu Schaumburg-Lippe als Wohnhaus nutzte,zunächst als Bundeskanzleramt. Dort arbeiteten nacheinander die Bundeskanzler – von Konrad Adenauer bis Helmut Schmidt. Mit dem Bau des neuen Bundeskanzleramtes (1973–1976) zog der Kanzleramtsbetrieb in den daneben errichteten dunklen Neubau um. Das Palais Schaumburg blieb indes Teil des Bundeskanzleramts und wurde weiterhin für repräsentative Zwecke und als Dienstsitz genutzt.

Einfahrt zum 1976 bezogenen Bundeskanzleramt.
Eine emotional geführte Debatte für Berlin
Von dort aus leiteten Helmut Schmidt, Helmut Kohl und bis zum Umzug nach Berlin 1999 auch Gerhard Schröder die Bundesregierung. Mit der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 war die Frage nach dem künftigen Regierungssitz erneut entflammt. Viele Politiker wollten Berlin als historische Hauptstadt Deutschlands auch wieder als Sitz von Parlament und Regierung sehen. Andere sprachen sich für Bonn aus und verwiesen auf die gut funktionierenden politischen Strukturen sowie die hohen Kosten eines Umzugs.
Doch Vernunft war nicht gefragt. Nach einer emotional geführten Debatte und einer flammenden Rede des damaligen Bundesinnenministers (und früheren Kanzleramtsleiters) Wolfgang Schäuble entschied sich der Deutsche Bundestag mit einer knappen Mehrheit von 338 zu 320 Stimmen für den Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin. Er argumentierte, dass Berlin das einzige echte Symbol für die Wiedervereinigung und die Freiheit ganz Deutschlands sei. Diese als „Hauptstadtbeschluss“ bekannte Entscheidung markierte das Ende der Bonner Zeit als politisches Zentrum Deutschlands.

Die historische Abstimmung fand im Wasserwerk statt
Die historische Abstimmung für den Umzug nach Berlin erfolgte übrigens im Alten Wasserwerk. Dieses war 1875 als solches für die Stadt Bonn errichtet worden und stand leer, als vier Jahre zuvor, im Jahr 1986, der Umbau und die Erweiterung des Plenarsaals des Deutschen Bundestages beschlossen wurde. So tagte von 1986 bis 1992 der Deutsche Bundestag im Alten Wasserwerk. Nach Abschluss der Bauarbeiten zog der Bundestag 1992 für sensationelle sieben Jahre (bis 1999) wieder in den neuen Plenarsaal des Bundeshauses, schon bald war er Geschichte.
Der eigentliche Umzug nach Berlin erfolgte schrittweise und wurde durch das Berlin/Bonn-Gesetz von 1994 geregelt. Seit 1999 tagen Bundestag und Bundesregierung überwiegend in Berlin. Bonn verlor den Status als Regierungssitz, blieb jedoch Bundesstadt. Mehrere Bundesministerien unterhalten bis heute ihren ersten oder zweiten Dienstsitz in Bonn, und zahlreiche Bundesbehörden sind weiterhin dort ansässig. So beherbergt das einstige Bundeskanzleramt seit 2005 das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Das Alte Wasserwerk liegt heute auf dem abgezäunten Gelände der UN.
Gerade fertig und schon überflüssig: der Plenarsaal
Aus dem erst kurz zuvor umgebauten Plenarsaal sowie einem Erweiterungsbau wurde das WCCB, das World Conference Center Bonn. Es sollte ein Symbol sein für den Strukturwandel nach dem Regierungsumzug und die Rolle Bonns als deutscher UN-Standort stärken. Internationale Konferenzen sollten hier abgehalten werden. Der Bau wurde jedoch durch eine gescheiterte Privatfinanzierung, massive Kostensteigerungen und Betrugsvorwürfe überschattet und entwickelte sich zu einem der größten kommunalen Bauskandale Deutschlands. Nach jahrelangen Verzögerungen wurde das WCCB im Jahr 2015 endlich fertiggestellt.

Der neu erbaute Plenarsaal wurde schnell überflüssig.
Eine ganz eigene Geschichte erlebte das „Bundesbüdchen“ – wie das Chinaschiff ein Bonner Wahrzeichen. Es war eines der bekanntesten Kioske Deutschlands. Als kleiner ovaler Pavillon entstand das Bundesbüdchen 1957 auf der Ecke zwischen dem späteren Bundeskanzleramt, dem Bundestag und Bundesrat. Hochrangige Politiker trafen hier auf Journalisten oder einfache Angestellte, wenn sie sich mittags ihr Bratwurst-Brötchen, einen Kaffee, ein Eis oder einen Snack holten. Nicht selten entstanden dabei Gespräche über Politik, lange bevor sie in den Sitzungssälen geführt wurden. Politiker wie Helmut Kohl, Guido Westerwelle, Otto Graf Lambsdorff oder Joschka Fischer gehörten zu den Stammkunden.
Am Bundesbüdchen wurde Politik gemacht
Mit dem Bau des World Conference Center Bonn (WCCB) musste das unter Denkmalschutz stehende Bundesbüdchen im Jahr 2006 seinen angestammten Platz räumen. Der Pavillon wurde sorgfältig abgebaut und über viele Jahre eingelagert. Ein Förderverein setzte sich gemeinsam mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz für dessen Erhalt ein. Im Mai 2020 schließlich kehrte das Bundesbüdchen in das ehemalige Regierungsviertel zurück. Es steht heute an der Ecke Heussallee/Platz der Vereinten Nationen und erinnert an die besondere politische Kultur der Bonner Republik.

Auch die ehemalige Fähre Königswinter II sollte Ende der 1980er Jahre auf dem Schiffsfriedhof landen. Das Beueler Schifffahrtsunternehmen Schmitz kaufte sie jedoch und entschied sich für eine ungewöhnliche Zukunft. Im Jahr 1990 ließ die Familie die alte Fähre von chinesischen Handwerkern in Rotterdamm in nur wenigen Monaten zu einem chinesischen Fahrgast- und Restaurantschiff umbauen. In dieser Zeit erhielt das spätere Chinaschiff seine pagodenartigen Aufbauten und ein Sonnendeck auf deren Dach.
Koi-Teich im Chinaschiff
Nach einem Betreiberwechsel im Jahr 2004 und einer Modernisierung erhielt das Schiff seinen heutigen Namen. Die Familie Zhang hatte den Innenausbau komplett modernisieren lassen und ihm den Namen „Ocean Paradise“ gegeben. Der Gag war ein kleiner Koi-Teich im Inneren des Schiffs, den die Betreiber-Familie als eingefleischte Koi-Fans betrieb. Bis April 2012 wurden zudem bei ausreichendem Wasserstand einstündige Panoramafahrten angeboten. Aufgrund neuer Bestimmungen für die Fahrgastschiffahrt mussten diese jedoch eingestellt werden.
Mit zunehmendem Alter wurden Reparaturen und technische Modernisierungen immer aufwendiger. Die Anforderungen an Sicherheit, Umweltstandards und Betriebskosten stiegen kontinuierlich. In den Jahren vor der Schließung waren umfangreiche Sanierungs- und Werftarbeiten notwendig, um das Chinaschiff betriebsfähig zu halten. Vor der Schließung wurde bekannt, dass das geschichtsträchtige Schiff verkauft werden sollte. Die Ocean Paradise wurde zeitweise in einer Werft überholt und technisch instand gesetzt.

Die Zukunft des Schiffs ist ungewiss
Damals wurde berichtet, dass Interessenten das ehemalige Chinaschiff übernehmen und möglicherweise weiterhin gastronomisch nutzen wollten. Bis heute ist jedoch keine dauerhafte Nachfolgenutzung öffentlich bekannt geworden. Das Schiff bleibt damit – wie das Bundesbüdchen – ein markantes Wahrzeichen, dessen nächste Kapitel noch nicht endgültig geschrieben ist. Auch die Stadt Bonn kann nichts zu seiner weiteren Nutzung sagen.
Bonns Pressespecher Markus Schmitz verweist auf die Eigentümer bei der Frage, wie es mit dem Chinaschiff weitergehen soll. Diese aber haben sich auf Rückfrage nicht geäußert. Gewerberechtlich verfügte der letzte chinesische Gastronom über eine Gaststättenerlaubnis. Ein neuer Betreiber müsste eine solche ebenfalls haben, wie die Stadt mitteilt. Bisher sei aber kein neuerlicher Antrag auf Erteilung einer solchen für das Chinaschiff eingegangen, teilt Schmitz im Juni 2026 mit. Bei Änderungen auf dem Schiff muss die Stadt beteiligt werden.









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