Höhlen und ihre geheimnisvollen Bewohner
Seit jeher üben Höhlen wie die Zwergenhöhle in Herrenstrunden oder das Zwergenloch bei Lindlar eine besondere Anziehungskraft aus. Sie sind mehr als nur natürliche Hohlräume im Gestein – sie sind etwas Ursprüngliches. Ihre Faszination entsteht aus einem Zusammenspiel von uralten Instinkten, psychologischen Reizen, kulturellen Bedeutungen und der tiefen Verbindung zur Geschichte der Menschheit.
Schon für unsere frühesten Vorfahren waren Höhlen Orte des Schutzes. Sie boten Zuflucht vor Kälte, Sturm und wilden Tieren und ermöglichten damit das Überleben. Dieses Gefühl von Geborgenheit ist bis heute in Menschen verankert. Auch moderne Menschen empfinden Höhlen als Rückzugsorte, als Räume, in denen die Außenwelt verstummt und man für einen Moment zur Ruhe kommt. Die massive Umhüllung aus Stein vermittelt Sicherheit und Beständigkeit.

Eine der Höhlen im Schmelztal.
Höhlen sind Tore zur Unterwelt
Gleichzeitig sind Höhlen Orte des Geheimnisvollen. Dunkelheit, Enge und Unübersichtlichkeit wecken Neugier, aber auch eine leichte Angst. Man weiß nie genau, was sich hinter der nächsten Biegung verbirgt. In vielen Kulturen gelten Höhlen zudem als symbolische Zwischenräume. Sie werden als Tore zu anderen Welten verstanden – zur Unterwelt, zum Reich der Götter oder zu fremden Wesenheiten.
Mythen und Sagen erzählen von Zwergen, Drachen, Einsiedlern oder Geistern, die in Höhlen leben. Zwergenhöhlen nehmen dabei einen besonderen Platz ein. Seit Jahrhunderten erzählen sich Menschen Geschichten von kleinen, unterirdisch lebenden Wesen, die abgeschieden in Felsen und Höhlen wohnen. Auffällige Felsspalten, niedrige Höhlen oder alte Stollen sollen nach den Erzählungen ihre Heimstatt sein.

Zwerge überschreiten die Grenzen zur Menschenwelt
Zwerge gelten als Freunde der Menschen. Sie sind geschickte Handwerker und Hüter verborgener Schätze. Tief im Berg bauen sie Erz ab, verarbeiten kostbare Metalle und verfügen über geheimes Wissen. Zwergenhöhlen werden daher oft als Orte dargestellt, an denen Reichtum und Gefahr nahe beieinanderliegen. Wer die Höhle mit Respekt betritt, wird manchmal belohnt; wer gierig oder überheblich ist, dem widerfährt Unheil wie es heißt.
Manchmal überschreiten die Zwerge auch die Grenze zwischen der Menschenwelt und einer geheimnisvollen Anderswelt. Sie erscheinen meist nachts, verschwinden bei Tageslicht und meiden den direkten Kontakt mit Menschen. In Zwergenhöhlen hört man unerklärliche Geräusche im Berg, sieht seltsame Gesteinsformationen. Auch wird vom plötzlichen Verschwinden von Vieh und Werkzeug berichtet.
Zwergenhöhle in Herrenstrunden
Die Zwergenhöhle Herrenstrunden ist eine Karsthöhle in der Paffrather Kalkmulde. Sie liegt im Strundetal unweit der Strunde-Quelle und wird im Bergischen als Quergskuhl (Zwergenkaule) bezeichnet. Vor 380 Millionen Jahren befand sich hier ein tropisches Flachmeer. Als sich im Tertiär die Niederrheinische Bucht bildete und das Meer abfloss, blieben Höhlen im Kalkstein zurück. An den Steilhängen rund um die Höhle finden sich noch Reste von Fossilien und Abdrücke von Korallen.
Die Zwergenhöhle liegt versteckt im Buchenwald. Der Zugang zu ihr ist mit einem Gitter versperrt, da hier aktuell ganz andere Wesen als Zwerge hausen. Braune Langohren, Große Mausohren und Wasserfledermäuse nutzen die Höhle als Winterquartier. Die unterirdischen Gänge ziehen sich tief in den Berg hinein. Zu einer Zeit, als hier noch die Zwerge zu finden waren, sollen die Einwohner von Herrenstrunden einen regen Verkehr zu ihnen unterhalten haben.

Die Zwergenhöhle in Herrenstrunden.
Zwerge ziehen sich zurück in tiefere Wälder
Diese Zwerge machten Feuer bei den Bewohnern, ohne die Scheunen anzubrennen. Insbesondere ein Schuhmacher nahm die Dienste der Zwerge in Anspruch. Regelmäßig fertigten sie für ihn Schuhe und Stiefel. Eines Abends beschloss er, den Zwergen zu danken. Er fertigte ein Paar zierliche Schuhe an und stellte sie in die Werkstube. Als am Abend ein alter Zwerg kam, um seiner Arbeit nachzugehen, entdeckte er die Schuhe, nahm sie mit und kein Zwerg ward je wieder bei dem Schuster gesehen.
Auch die Bauern in der Gegend profitierten von den Zwergen. Sie hüteten täglich das Vieh. Doch eines Tages war dies vorbei. Das Christentum hatte Einzug in die Gegend gehalten und der Glaube an Wesenheiten wie Zwerge schwand allmählich – und damit verschwanden auch die Zwerge, denn sie leben vom Glauben an sie. Sie zogen sich zurück in eine verborgene Welt, in der sie noch heute ihren Bräuchen frönen. In tieferen Wäldern sollen sie ungestört fernab jeglicher Veränderungen leben.
Höhle der Bären in Hardt
Vielleicht aber sind sie auch in eine andere Dimension geflüchtet, die für uns Menschen unsichtbar ist. Möglicherweise sind sie immer noch in ihren Höhlen und bleiben nur dem menschlichen Auge verborgen? Betrachtet man jedenfalls das Umfeld der Zwergenhöhle so erscheint dieses äußerst geheimnisvoll. Der Wald ist mystisch und voller skurriler Baumformationen, die wie Baumgeister anmuten. Ihre Wurzeln bilden an manchen Stellen selbst Höhlen und scheinen etwas Verborgenes zu hüten.
Ebenfalls versteckt im Wald liegt die Bärenhöhle bei Hardt in Bensberg. Sie ist ein Überrest der ehemaligen Grube Blücher. Von der Mitte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden hier unter Tage Blei und Zink abgebaut. Unweit der Höhle befindet sich das ehemalige Steigerhaus, in dem heute das Naturfreundehaus untergebracht ist. Der Rote Bach, dessen Wasser von Eisenresten rot gefärbt ist, führt hinunter zu den früheren Erzaufbereitungsanlagen der Grube Blücher.

Der mystische Buchenwald in Herrenstrunden.
Die Höhle war einst ein Versuchsstollen
Einst war die „Bärenhöhle“ ein Versuchsstollen der ehemaligen Grube Blücher. Der Stollen wurde in den Fels gesprengt, um das Gestein zu untersuchen. Dort, wo keine Erze gefunden wurden, wurden die Arbeiten nach kurzer Strecke eingestellt. Da der Stollen im festen Fels stabil blieb, nutzte man ihn später als Lager für Sprengstoff. Die Verbindung von Bergbau zu Zwergen kommt auch hier zum Ausdruck. Zwerge lebten in germanischen Mythen unterirdisch und waren Meister im Bergbau und in der Metallverarbeitung, was sie zu idealen Bewohnern von Minen machte.
Zu früheren Zeiten trugen die oftmals kleinwüchsigen Bergleute, die bevorzugt in den engen Stollen eingesetzt wurden, zum Schutz vor den harten Felsen Mützen und Kappen aus Leder. Manchmal waren diese Kopfbedeckungen rot. Die rote Zipfelmütze ist ein bekanntes Symbol für Freiheit und Revolution der Jakobiner und Repulikaner während der französischen Revolution. Aber auch die einfachen Leute, die Fischer und die Landbevölkerung trugen rote Mützen.

Der Eingang zur Bärenhöhle.
Zwerge als Bergleute
In Märchen wie Schneewittchen traten Zwerge als Bergleute auf, die Edelmetalle schürfen, wodurch die Grenze zwischen Mythos und Beruf verschwamm. Zwerge wurden auch als Berggeister verehrt, die Reichtum brachten oder die Bergleute neckten, was zum Glauben an Schutzgeister führte.
Nach Stilllegung der Bergbauarbeiten geriet der Zweck des Stollens bei Hardt in Vergessenheit. Im Laufe der Zeit entstand der lokale Name Bärenhöhle. Bis März 2025 konnte man noch in die Bärenhöhle klettern. Im vorderen Teil der Höhle fanden sich Holzstücke, blank wie Knochen. Im stockfinsteren hinteren Teil war es dunkel wie die Nacht. Nur mit Taschenlampe konnte man sich hineinwagen, ohne sich den Kopf anzustoßen, denn die Höhle wird im hinteren Teil immer niedriger und endet in einem Stumpf. Weil Menschen magisch von der Höhle angezogen wurden, und sich Steine aus der Decke gelöst hatten, ist der Zugang inzwischen wie bei der Zwergenhöhle mit einem Gitter versperrt.

Das Zwergenloch in Lindlar.
Das Zwergenloch in Lindlar
Noch nicht gesperrt indes ist das Zwergenloch auf dem Neuenberg in Lindlar. Wie bei der Zwergenhöhle in Herrenstrunden handelt es sich hierbei auch um eine Kalksteinhöhle, in deren Nähe sich geheimnisvolle Mauern mitten im Wald erheben. Bei diesen handelt es sich um die Reste der Neuenburg. Die Zwergenhöhle selbst ist eine etwa zwei Meter hohe, fünf Meter breite und sieben Meter lange Erdöffnung, die schräg in den Berg hineinführt. In der Höhle wurden Reste von prähistorischen Gefäßen gefunden.
Die Altvorderen aus der Gegend wissen sich noch so manche Geschichte von den einst dort lebenden Zwergen zu erzählen. Auch hier verschwanden sie eines geheimnisvollen Tages auf Nimmerwiedersehen. Von den Gängen der Höhle führt einer tief in den Berg hinein. Oberhalb der Höhle soll sich ein weiterer Eingang befunden haben, der heute jedoch zugeschüttet ist. Die Gänge sollen sich bis zur Burg erstreckt und als geheime Ausgänge gedient haben.

Geheimnisvolle Figuren an der Burgruine Neuenberg.
Von der Höhle ziehen sich Gänge bis zur Burg
Die Burg wurde im Jahr 1433 erstmals erwähnt, als Herzog Adolf von Berg in seinem Bündnisvertrag mit dem Landgrafen von Hessen diesem die Grenzfesten Windeck, Denklingen und den „Nuwenberg“ öffnete. 1438 ist von Dietrich von Burtscheid Amtmann „zo dem Nuwenberg und in der vesten van Steinbach“ die Rede. Ein Jahr später ist ein Darlehen „zo dem buwe zu dem Nuwenberghe“ verzeichnet. In der Zeit nach 1470 sitzen Amtmänner auf der Burg.
Im Jahr 1640 ist einem Bericht des Grafen von Schwarzenberg zufolge die Neuenburg von Soldaten an verschiedenen Stellen verwüstet worden. Zwischen 1648 und 1653 wurden Reparaturen durchgeführt. 1653 endete durch Gewaltstreich die Herrschaft der Schwarzenbergs auch auf dem Neuenberg. Zehn Jahre später beantragten die Amtsleute, den Neuenberg zu schleifen. Die Burg war baufällig geworden und konnte feindlichen Angriffen nicht mehr standhalten. Im Jahr 1691 war dies vollzogen.

Burgruine Neuenberg
Mauerreste ragen empor wie steinerne Finger
Die Mauerreste der eines alten Turms der Burg ragen empor wie steinerne Finger. Davor ist noch der Graben sichtbar. Verschiedene Wallanlagen wiederum mit Mauerresten lassen auf die einst stattliche Größe der Burg schließen. Der Ort ist mystisch und man trifft auf manch seltsame Gestalt wie eine weiße Figur eines Greises im Moos vor einem alten Baum.
Unweit der auf einem Berg stehenden Mauerreste findet sich im Tal übrigens ein weiterer Burgrest: die Burgruine Eipach aus dem Jahr 1352. Ihre Mauern liegen mit Efeu überwachsen inmitten eines Sees, auf dem Gänse und Enten schwimmen. Die Burg Eipach war eine Wasserburg im Lindlarer Ortsteil Scheel. Erhalten sind ein beeindruckender Rundturm und Teile der Vorburg, die bereits mehrfach eine Kulisse für Filme bildeten. Die mehrgeschossige Burg mit ihren Ecktürmen wurde 1782 zerstört. Das Torhaus ist noch bewohnt und befindet sich in Privatbesitz.

Burgruine Eipach
Eine Höhle oberhalb der Burg Raiffershardt
Eine weitere Höhle, deren Existenz nirgends verzeichnet ist, findet sich oberhalb der Burg Raiffershardt in Windeck-Werfen mitten im Berg. Möglicherweise handelt es sich hierbei auch um den Rest eines Stollens. Ein anderes Loch im Fels kann man in Nähe der Ortschaft Bruchhausen bei Eitorf entdecken. Dieses ist der ehemalige Belüftungsschacht der Grube Phoenix. Vom Loch aus geht es steil hinab in den Fels.
Auch im Schmelztal bei Eitorf soll es im Wald noch alte Schächte geben. Vollständig verfüllt ist indes ein Stollen an der alten Straße nach Scheidsbach/Irlenborn von der L 86 Nähe Burg Welterode und an der L87 im Bereich Kelters in der Nähe des Steinbruchs. Und auch der alte Stollen, der in Eitorf-Harmonie unter Sieg herführte, ist verfüllt.

Höhle oberhalb der Burg Raiffershardt.
Höhle am Fuße des Schmelztals
Zwei offene Höhlen finden sich indes am Fuße des Schmelztals nähe der Kreuzung zur L87 zur Sieg hin. Diese wurden zu ganz anderen Zwecken in den Berg getrieben. Sie dienten den Menschen im Zweiten Weltkrieg als Schutz vor den Jagdbombern der Alliierten, die auf alles schossen, was sich bewegte. Die Höhlen sind eher Löcher und nur drei bis etwa zehn Meter lang.
Höhlen machen die Zeitdimension sichtbar. Tropfsteine wachsen über Jahrtausende, Gesteinsschichten erzählen von uralten Meeren, Fossilien bewahren Spuren längst vergangener Lebewesen. In Höhlen wird Zeit greifbar. Der Mensch erkennt seine eigene Vergänglichkeit im Vergleich zur scheinbaren Ewigkeit des Steins. Höhlen verbinden Schutz und Gefahr, Stille und Spannung, Realität und Mythos miteinander.
Mehr mystische Geschichten gibt es in unserem Buch (Link zum Buch).








