Das Schoeller-Gelände in Eitorf und wie es dort weitergeht
Viel Wirbel gab es in letzter Zeit um das ehemalige Schoeller-Gelände in Eitorf. Seit die Retzer Industry Eitorf GmbH & Co. KG das 150.000 Quadratmeter große Industriegelände im Jahr 2024 erworben hat, gab es dort einige Änderungen. Nicht nur, dass dort langjährig ansässige Unternehmen abwanderten, sondern auch der beliebte Verbindungsweg für Fahrräder und Fußgänger zwischen dem Westende des Spinnerwegs und dem Ortszentrum wurde mit großen Toren abgesperrt. Das führte zu Unmut bei Bürgern und Verwaltung.
Jetzt lud die Retzer Industry – hinter dem Namen steckt ein Familienunternehmen aus Bad Hersfeld, geführt von Professor Dr. Oleg Retzer und seiner Ehefrau Elke sowie den Söhnen Christian und Martin Retzer – zu einer Pressekonferenz mit Rundgang über das Schoeller-Gelände ein. Hierbei sollten die aktuellen und anstehenden Veränderungen vorgestellt werden. Insbesondere ging es dabei um die Pläne der Retzer Industry zur Zukunft des Industriegeländes. „Nur vor Ort kann man sich ein Bild machen, mit welchen Anforderungen wir zu kämpfen haben“, so der langjährig als Immobiliengutachter und Bau-Sachverständiger tätige Investor.

Professor Dr. Oleg Retzer mit seiner Ehefrau Elke.
Keine „Heuschrecken“ auf dem Schoeller-Gelände
Seine Ehefrau, eine diplomierte Biochemikerin, sei die treibende Kraft im Familienunternehmen. Sie habe auch das Gelände in Eitorf entdeckt, berichtet der Investor weiter. In einem Bieterverfahren, in welchem es noch zwei weitere Interessenten aus den Reihen der bereits auf dem Schoeller-Gelände ansässigen Firmen gab, habe Retzer Industry den Zuschlag erhalten. „Wir wissen, dass unglaublich viel Arbeit auf uns zukommt. Aber wir haben uns der Verantwortung gestellt“, erklärt Retzer und betont, dass sein Unternehmen nicht als „Heuschrecke“ agieren will.
Stattdessen hätte Retzer Industry bereits viel investiert und strebe eine langfristige Ausrichtung an. „Natürlich haben wir auch entsprechende Renditeerwartungen, aber vorher muss erst einmal Investment betrieben werden“, so der neue Eigentümer, der in diesem Zusammenhang von langwierigen Genehmigungsverfahren berichtet. Sein Sohn Martin werde sich künftig um den Standort Eitorf kümmern, während der andere Sohn Standorte in Hessen betreue.

Vor diesen Hallen soll ein Gleisanschluss gebaut werden.
Die Mietverträge waren nicht optimal
Laut Retzer waren die vorgefundenen Mietverträge nicht optimal. „Es wurden nur Nebenkosten und keine Netto-Kaltmieten gezahlt“, so das Investoren-Paar. Drei Mieter seien nicht bereit gewesen, neue Mietverträge und damit auch Mieten von 4,50 Euro pro Quadratmeter zu akzeptieren und seien abgewandert oder würden dies noch tun. „Wichtig ist, dass wir einen Zugang zu unseren Mietern haben und neue Vertragsverhältnisse, die auch tragbar sind“, betont Retzer, der sich über neue Mieter wie etwa das Gemeinde-Archiv freut.
Für die bis dato ansässige AWO beseitigte er eigens Geruchsbelästigungen aus dem Keller. Die neu hinzugekommene Firma Hergers Brandschutztechnik soll sich künftig um den gesamten Brandschutz auf dem Schoeller-Gelände kümmern. Auch der Non-Food-Anbieter Wenco GmbH gehört zu den großen neuen Mietern. Gerstäcker und Weco, die in einem Keller auf dem Gelände Produktionsmaterialien lagert, sowie Künstlerateliers bleiben erhalten.

Die ehemalige Kantine wird abgerissen.
Umstrukturierungsmaßnahmen auf dem Schoeller-Gelände
In Bezug auf die neuen Firmen, die sich auf dem Schoeller-Gelände ansiedeln sollen, berichtet Retzer von den geplanten Umstrukturierungsmaßnahmen, mit welchen er auch die Sperrung des Spinnerwegs erklärt. Bisher wurde der Lkw-Verkehr für die auf dem Gelände ansässige Firma Gerstäcker über eine schmale Gasse abgewickelt, die auf den sogenannten Markusplatz führt, auf dem die Lkw beladen werden. Das soll sich ändern, da die Gasse sehr eng ist. Darum soll die ehemalige Kantine der Schoeller Wolle abgerissen werden. Sie steht im Weg, da der gesamte Schwerlastverkehr künftig über das Haupttor abgewickelt ewrden soll.
Die daneben liegende alte Versandhalle, die zeitweise als Kulturhalle für Ausstellungen genutzt wurde, wird von der Firma Wenco bereits als Lager genutzt. Das Unternehmen nutzt künftig auch weitere Gebäude wie die Halle, in der bis vor Kurzem noch BroilKing Deutschland angesiedelt war sowie das einstige Hochregallager. Die ehemalige Färberei und das Labor der Schoeller Wolle, die seit vielen Jahren leer stehen, werden umgebaut für ein größeres Unternehmen mit 180 Mitarbeitern im Bereich der Metallproduktion. Schwerlastkräne und Maschinen, die in den Boden eingelassen werden, kommen hierhin.

Hier sollen Gleise für die Anlieferung verlegt werden.
Reaktivierung des alten Gleisanschlusses angestrebt
Die größte Umstrukturierung erfahren die ehemals von der Firma Jedi genutzten Hallen, denn diese sollen künftig einen eigenen Gleiszugang erhalten. Retzer Industry möchte damit 60 Prozent des Lkw-Verkehrs auf die Schiene verlegen. Die Investorenfamilie befindet sich dazu aktuell in Gesprächen mit der Deutschen Bahn. Die Kosten für die Reaktivierung des alten Gleisanschlusses sollen zwischen DB und Retzer Industry geteilt werden. Etwa in dem Bereich, in dem es bereits früher ein Gleis lag, sollen das neue verlegt werden. Ziel ist es, insbesondere produzierende Unternehmen anzusiedeln, die auf stabile logistische Rahmenbedingungen angewiesen sind.
Ein Prellbock wird dort errichtet, wo sich zur Zeit noch ein einzelnes Einfamilienhaus befindet, das abgerissen werden soll. Diese Umstrukturierung erklärt auch die Notwendigkeit, den hinteren Teil des Spinnerwegs zu schließen. Davon abgesehen berichtet Retzer von in der Vergangenheit kritischen Situationen zwischen abfahrenden Lkw und Fahrrad- sowie Scooterfahrern. Da der Lkw-Verkehr künftig nur noch über das Haupttor abgewickelt wird, erhöht sich das Gefahren-Potenzial für Fußgänger und Radfahrer bei Benutzung der einst beliebten Wegeverbindung, wie er sagt.

Mit diesem Chip lässt sich das Tor öffnen.
Keine Kompromisse beim Spinnerweg
„Hier gibt es keine Kompromisslösung“, so Retzer. Der Zaun werde noch weiter bis zum Bahngleis gezogen, um zu verhindern, dass Menschen auf die Bahngleise ausweichen. Gleichzeitig betont der Investor seine Sicht auf die Rechtslage: „Dieser Weg ist nicht teilgewidmet. Das ist falsch“, sagt er in Bezug auf eine von Bürgermeister Rainer Viehof getroffene Aussage. Den Zugang für die Leitungsbetreiber von Strom-, Wasser- und Gasleitungen sowie die Feuerwehr ermöglicht ein Tresor, in dem sich der Zugangschip zur Öffnung des Tors befinde, wie der Investor erzählt.
Der Park im Bereich der Wohnhäuser, die Schoeller einst für seine Mitarbeiter errichtet hatte, wird laut Retzer derzeit von den Anwohnern unter anderem zum Abstellen ihrer Fahrzeuge genutzt. Ihnen hatte er angeboten, Stellplätze zum Preis von 30 Euro monatlich mieten zu können. „Keiner hat das Angebot angenommen, so dass ich die Parkplätze nun der Firma Wenco zuweisen werde“, erzählt Retzer.

Der Zaun zum Park wird beseitigt.
192 Stellplätze für die Mitarbeiter auf dem Schoeller-Gelände
Der dazwischen liegende Zaun werde zu diesem Zweck beseitigt. Künftig werden 192 Stellplätze für die Mitarbeiter der neuen Firmen benötigt, wie der Investor sagt. Mit der Errichtung der massiven Toranlagen samt Zaun um das ganze Industriegelände schob die Investorenfamilie auch dem Drogenkonsum an den alten Garagenflächen hinter dem Park einen Riegel vor. „Hier hat unser Hausmeister immer wieder Spritzen gefunden, da die Fläche von vorne nicht einsehbar ist“, erzählt Retzer.
Der Investor plant, das gesamte alte Schoeller-Gelände CO2-neutral zu machen. Ab Ende 2027 soll dies vollzogen sein. Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtleistung von rund acht Megawatt sowie umfangreiche Batteriespeicherlösungen mit einer Kapazität von 480 Megawattstunden sollen dies ermöglichen. „Wir produzieren eigenen Strom und nennen es Grünstrom“, so Retzer. Überschüssigen Strom, der nicht in den riesigen vier geplanten Batterien gespeichert werden kann, verkauft er an die Westnetz.

Ein Solar-Park entstand im hinteren Teil des Geländes.
Strom auch in Dunkelzeiten
Die Batterien sollen in Containern mit internem Löschsystem untergebracht werden. Diese sollen im Bereich der zum Abriss stehenden Nissen-Hütten, eines kleinen Einfamilienhauses und der Klärbecken stehen und Strom in Dunkelzeiten liefern. Ein Summen, das von den Batterien ausgeht, stört in diesem Bereich weniger. Die Bewohner in den Häusern hätten zudem eine Emissions- und Immissionserklärung unterschrieben, so Retzer. Der Bauantrag wurde bereits gestellt. Das Investitionsvolumen allein für die Energieinfrastruktur liegt nach Unternehmensangaben bei über 250 Millionen Euro.
Weitere Baumaßnahmen betreffen Gauhes Wiesen. Um die künftig auf dem Gelände ansässigen Firmen bei der Personalfindung zu unterstützen möchte der Unternehmer dort dreigeschossige Wohngebäude für Beschäftigte und andere Bewohner bauen. Die Gebäude sollen in Holzrahmenbauweise mit KFW40+-Standard errichtet und mit Karbonheizungen ausgestattet werden. Insgesamt sollen acht Einheiten mit insgesamt 180 Wohnungen entstehen. Eventuell soll es dort auch Angebote für Intensivpflege, Senioren und Demenzkranke geben.

Statt EFH und Kläranlage werden hier Batteriespeicher stehen.
Vier internationale Firmen auf dem Schoeller-Gelände
Insgesamt sollen künftig vier international agierende Firmen auf dem einstigen Schoeller-Gelände tätig sein. „Die Firmen bringen nur einen Teil des Personals mit“, so Retzer. So sieht er hier auch eine Zukunft für die Mitarbeiter von ZF. Insgesamt machte Retzer Industry 6.400 Quadratmeter Hallenflächen sowie etwa 250 Quadratmeter Büroflächen wieder nutzbar gemacht. Weitere rund 8.000 Quadratmeter wurden bereits neu vergeben.
Insgesamt ist die Geschichte der Schoeller-Wolle eng mit der Entwicklung der Textilindustrie im Rheinland verbunden. Philipp Wilhelm von Schoeller verlieh dem Unternehmen seinen Namen. Ein wichtiger Meilenstein war die Gründung der Schoeller’schen Kammgarnspinnerei in Eitorf im Jahr 1888. Die Lage im Siegtal, die Nähe zur Bahnlinie Köln–Siegen sowie die Verfügbarkeit von Arbeitskräften boten günstige Bedingungen für den Aufbau eines industriellen Großbetriebs.

Durch die Gasse links im Bild fuhren bislang die Lkw.
Die Schoeller Wolle war eng mit Eitorf verbunden
In der Spinnerei wurde vor allem Kammgarn hergestellt – ein besonders hochwertiges, fein gesponnenes Wollgarn, das sich durch seine glatte Struktur und hohe Reißfestigkeit auszeichnete. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die Kammgarnspinnerei zu einem der wichtigsten Arbeitgeber in Eitorf und der gesamten Region. Zeitweise beschäftigte das Werk mehrere hundert Arbeiter.
Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geriet die Textilindustrie in Westeuropa zunehmend unter Druck. Die Globalisierung, steigende Lohnkosten und die Verlagerung der Produktion in Länder mit günstigeren Rahmenbedingungen führten zu einem schrittweisen Niedergang. In den letzten Jahrzehnten ihres Bestehens wurde die Produktion mehrfach umstrukturiert und verkleinert. Schließlich wurde der Betrieb im Jahr 2005 geschlossen.
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