Krieg – Warum der Bürgermeister sich irrte
Manche Menschen glauben an Zufälle, andere nicht. Wie auch immer man das sehen möchte, gibt es manchmal eine Duplizität der Ereignisse, auch in Bezug auf den Krieg, die beeindruckend ist. Der 17. März ist der Tag des Heiligen Patrizius. Die Iren feiern den St. Patricks Day. Dem Heiligen ist auch die Kirche in Eitorf gewidmet. Deren größte Glocke, die St. Patricius-Glocke, stammt aus dem Jahr 1631 und hing einst in der Kirche auf dem Marktplatz.
Diese war 1889 baufällig und abgerissen worden, nachdem auf der anderen Straßenseite in den Jahre 1882 bis 1884 die heutige Kirche fertig gestellt worden war. Stehen blieb nur ihr Turm, dessen Umrisse noch heute auf dem Marktplatz nachgezeichnet sind. Auch der alte Turm sollte abgerissen werden, nachdem ein neuer errichtet worden war. Er wurde aber 1913 zum Krieger-Ehrenmal umfunktioniert.
Brücke im Krieg zerstört
Zum Ende des Zweiten Weltkriegs, im Jahr 1945, wurden seine anderthalb Meter dicken Mauern und das mächtige Innengewölbe als sicher erachtet. So flüchteten sich während der Fliegeralarme immer wieder Menschen an diesen Ort. Das war auch so am 17. März 1945. An diesem Tag war bereits nachmittags die schwer beschädigte Luffendorf-Brücke – die Brücke von Remagen – eingestürzt. Dabei wurden 32 amerikanische Soldaten getötet und 63 verletzt.
Die Brücke war schon am 7. März 1945, als die Deutschen vergeblich versucht hatten sie zu sprengen, beschädigt worden. Ihre Vernichtung sollte verhindern, dass die anrückenden Amerikaner auf die rechte Rheinseite gelangen. Doch die Brücke hielt stand und so hatten innerhalb von 24 Stunden 8000 Soldaten den Rhein ist östliche Richtung überquert.
Zweifelhafter Schutz im Krieg
In Eitorf saß an diesem Nachmittag Bürgermeister Anton Ohligs in seinem Dienstzimmer im Rathaus am Marktplatz und sagte zu einem Mitarbeiter Philipp Schmitz: „Die kritische Zeit ist vorbei. Ich glaube nicht, dass noch ein Teppich auf Eitorf gelegt wird. Das wäre doch sinnlos.“ Damit bezog er sich auf die vorherigen Bombardierungen am 8. und 9. März 1945, bei dem der Bahnhof und das Krankenhaus zerstört worden waren. Doch seine Aussage war eine fatale Fehleinschätzung.
Um 17.45 Uhr näherten sich 32 Maschinen des 9. Airforce-Kommandos der Amerikaner dem Herzen von Eitorf. Das war nicht das erste Mal. Fast täglich dröhnten Flieger über den Ort an der Sieg. Doch an diesem Tag sollten wieder viele Zivilisten sterben. Auf dem Marktplatz schlug genau um 17.45 Uhr eine erste Bombe den Turmhelm des alten Kirchenturms ab. Während er sich sich Richtung Cäcilienstraße neigte, riss eine zweite Bombe das Bauwerk in Stücke. Die Gebäudeteile stürzten senkrecht in sich zusammen und begruben alle 25 Schutzsuchenden unter sich.
Brot kaufen im Krieg
Insgesamt starben an diesem Tag 95 Menschen. Dazu gehörten auch die 19 Menschen, die an der Baust-Mühle um Mehl angestanden hatten. Um 17 Uhr war dort das Brot ausverkauft gewesen, so dass man nun um Mehl anstand. Bäcker Josef Baust wollte die Leute noch eben versorgen. Da eilte seine Tochter Anneliese in die Küche und rief: „ Es kommen viele Flugzeuge!“ Alle rannten sofort zum Stollen, den der Vater neben der Mühle zum Schutz gebaut hatte. „Ich komme gleich nach“, rief der Vater.
Die Mutter eilte, um sich im Zimmer noch ihren Mantel zu holen und stand neben dem Schreibtisch, als das Schreckliche hereinbrach. Ein Krachen, Tosen und Heulen erfüllte die Luft. Die Hölle schien losgelassen zu sein. Die Detonationen erfolgten im Sekundentakt, als mit Donnergetöse Wasser heran brauste. Der Damm des Mühlenteichs war getroffen – und ebenso das bis zum Dach mit Getreide gefüllte Silo. Der Vater starb, seine Leiche wurde drei Wochen später in der benachbarten Gärtnerei gefunden. Die Mutter wurde nach anderthalb Stunden aus den Trümmern befreit und starb noch am selben Tag.
Der Krieg fordert seine Opfer in Eitorf
Dieser Augenzeugen-Bericht der Familie Baust ist nachzulesen in der „Eitorfer Kriegschronik“, die Josef Ersfeld im Jahr 1950 verfasst hatte. Sein Sohn Hermann Josef Ersfeld hatte die Schilderungen im Jahr 1996 unter dem Titel „Kriegsjahre in Eitorf“ noch einmal neu aufgelegt. Darin ist auch das große Bombardement am 8. März 1945 um 15.20 Uhr beschrieben. An diesem Tag starben 139 Menschen, 30 Häuser wurden zerstört, darunter auch das Krankenhaus. Es war bombardiert worden, obwohl auf dem Dach ein großes rotes Kreuz gewesen war.
Schwester Gundolfa hatte gerade mit den Kindern Kaffee getrunken, als sie das Surren in der Luft hörte. „Ich schaute aus dem Fenster hinaus, das nach Eitorf zu lag und dachte bei mir: ‚Die Flugzeuge sind schon so oft über uns hinweggeflogen, es wird wohl auch diesmal gutgehen‘“, berichtete sie. Doch wie am 17. März der Bürgermeister, irrte auch die Franziskaner-Schwester.

Für jedes Opfer des Bombenteppichs in Eitorf steht ein Licht.
Menschen unter den Trümmern des Krankenhauses
Als die Scheiben klirrten, griff sie den zweijährigen Stanislaus, der an Diphterie erkrankt war, und lief zur Tür. In diesem Moment schlug ihr schon die Füllung der Tür in den Rücken. Sie brachte das Kind in Sicherheit und holte der Reihe nach die anderen Kinder. An der Treppe reichte sie die kleinen Patienten den anderen Helfern hinunter. Auch die Kirche, die wegen ihrer Kühle zu dieser Zeit als Leichenhalle fungierte, wurde an diesem Tag beschädigt.
Einen Tag später, am 9. März 1945, fiel der Bahnhof. Zwölf Sprengbomben legten ihn in Schutt und Asche, einige Wenige kamen dabei um. Der Bürgermeister hatte daraufhin im Aktenkeller des Rathauses eine Befehlsstelle eingerichtet, die Tag und Nacht besetzt war. Am unglückseligen 17. März überlebte dort der gesamte Krisenstab aus Verwaltung, Polizei und Feuerwehr.
Der Bürgermeister starb
Der Bürgermeister selbst erkundigte sich mehrfach an diesem Tag im Keller nach der aktuellen Lage. Zur Zeit der Bombardierung jedoch befand er sich in seinem Amtszimmer. Das Rathaus wurde vernichtet – mit ihm starben 95 Menschen. Auf den Tag genau 80 Jahre später lud der Heimatverein Eitorf zusammen mit der Katholischen und Evangelischen Kirchengemeinde am 17. März 2025 zu einer Gedenkstunde ein.
80 Glockenschläge erinnerten um 17.45 Uhr an die Bombardierung Eitorfs. Im Anschluss gab es eine Gedenkstunde mit ökumenischem Gottesdienst. Dabei kamen nicht nur die Pfarrer zu Wort, sondern auch die Zeitzeugen. Diese wurden von vier Vorstandsmitgliedern an der Kanzel zitiert.

Für jedes unter dem Turm verschüttete Opfer wurde bei der Gedenkfeier eine Kerze auf dem Marktplatz angezündet.
Gedenkfeier für die im Krieg verstorbenen Eitorfer
Karl Heinz Sterzenbach hatte die Schilderungen der Augenzeugen aus der Kriegschronik zusammen getragen. Im Anschluss gab es unter Glockengeläut einen Schweigemarsch zum Marktplatz. Hier erinnert ein Gedenkstein seit 1991 an die Opfer, die unter dem alten Kirchturm begraben worden waren.
Mit einer Kranzniederlegung und 25 brennenden Grabkerzen sowie Bildern der zerstörten Gebäude wurde den in diesen letzten Kriegstagen verstorbenen Eitorfern gedacht. Ein Trompeter beendete die Zeremonie nach Reden des Heimatvereinsvorsitzenden Alwin Müller und Bürgermeister Rainer Viehof. Dass diese ganzen Ereignisse am 17. März passierten, gibt vielleicht manch einem zu denken. Auf Youtube gibt es ein Video zu der Gedenkfeier des Heimatvereins.