Der Spinnerweg wurde teilweise gesperrt – die Hintergründe
Es gibt ihn schon seit Jahrzehnten: den Verbindungsweg zwischen dem Bahnübergang an der Bouraueler Brücke und dem Zentrum von Eitorf. Und er hat auch durchgehend einen amtlichen Namen: Spinnerweg. Er erschließt bis zum östlichen Bahnübergang Spinnerweg zugleich das Werksgelände und an ihm liegende Wohngebäude von der Landesstraße 333 aus. Zwar auf einem Teilstück etwa in der Mitte für Kfz verboten, war dieser Bereich des Spinnerwegs eine kurze und gefahrlose Verbindung für Fußgänger und Radfahrer in den Ortskern, zu Schulen und Sportanlagen.
Die Betonung liegt auf „war“, denn der neue Eigentümer, der das Werksgelände im Jahr 2024 von der Schoeller AG erworben hat, hat ein etwa 250 Meter langes Teilstück im November vergangenen Jahres auch für Fußgänger und Radfahrer versperrt. Und das führt nicht nur zu Unverständnis bei den Bürgern, sondern auch zu lebensgefährlichen Situationen. Denn, obwohl verboten, weichen Passanten mit Fahrrädern oder sogar Kinderwagen nun auf das Gleisbett aus, um diese praktische Verbindung weiterhin nutzen zu können.
Woher der Spinnerweg seinen Namen hat
Der Spinnerweg hat seinen Namen nicht wegen seiner absonderlichen Art, sondern aus seiner Vergangenheit. Er gehörte einst zu der 1888 gegründeten „Kammgarnspinnerei Karl Schäfer & Co.“, später „Schoeller´sche Kammgarnspinnerei“. Auf etwa tausend Meter Länge fungierte er, unmittelbar nördlich neben der Bahnstrecke gelegen, also bislang als Fuß- und Radweg in die Ortsmitte.
Bürgermeister Rainer Viehof äußerte sich im März auf Nachfrage dazu, wie er die Sperrung rechtlich einordnet. Er verwies dazu auf eine Widmung des Wegs aus dem Jahr 1987. Zudem erklärte er, dass RWE, der Wasserversorger und der Betreiber der Gasleitung Dienstbarkeiten eingetragen hätten. Das bedeute, dass diese jederzeit Zugang zu den Versorgungsleitungen haben müssten. Und dies sei aktuell nicht mehr gegeben.

Zunächst gab es eine provisorische Sperrung des Spinnerwegs
Nach einer zunächst provisorischen Sperrung des Wegs durch den Eigentümer, die Retzer Industry Eitorf GmbH & Co. KG, verhindern inzwischen massive Toranlagen auf beiden Seiten ein Betreten des Wegs. Die seitlichen Zäune riegeln zwar einige Meter das Gleisbett ab, können ein Betreten jedoch nicht vollständig verhindern. Warum der Eigentümer den Weg gesperrt hat, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden, weil E-Mails unbeantwortet blieben.
Als Begründung kann jedoch ein Brief herangezogen werden, den der Eigentümer im November vergangenen Jahres an die Bewohner der Häuser gesandt hat und den diese in Facebook veröffentlicht haben. Darin äußert der Unterzeichner, Professor Dr. Retzer, seinen Ärger über unrechtmäßig auf dem Firmengelände abgestellte Fahrzeuge, illegal errichtete Carports und Garagen. Für den 1. Januar 2026 kündigt er diverse Gegenmaßnahmen wie die Errichtung eines Zauns rund um das Werksgelände an. Der Zugang solle künftig nur noch über das Haupttor erfolgen.
Schreiben an die Anwohner
Anwohner und Fahrzeughalter wurden vom neuen Eigentümer angeschrieben. Ihnen wurde angeboten, dass Parkplätze in dem kleinen Park auf dem Werksgelände für 30 Euro/Monat gemietet werden können. Für die übrigen Parkplätze solle eine Parkraumbewirtschaftung eingerichtet und Strafzettel für unrechtmäßiges Parken verteilt werden. Auch die Sperrung des Rad- und Fußwegs wird in dem Schreiben angekündigt. Die „illegal gebauten“ Garagen und Carports sollen „per Gerichtsbeschluss zum Rückbau aufgefordert“ werden. Mit dem Satz „Die Situation ist für uns sehr unbefriedigend und wir werden diese Übergriffe nicht mehr akzeptieren.“ schließt das Schreiben an die Anwohner.
Die genannten Anwesen sind Häuser, die die Schoeller AG einst für ihre Werksangehörigen erbaut hat und die später von Privatpersonen gekauft worden waren. Sie liegen neben dem Werksgelände und haben auch einen kleinen Park, in dem Anwohner wohl ihre Fahrzeuge abgestellt hatten. Insgesamt drei Unternehmen, die auf dem ehemaligen Schoellergelände angesiedelt waren und sind, sind inzwischen in andere Gewerbegebiete gezogen oder planen dies.

Das Jobcenter liegt ebenfalls am Spinnerweg.
Warum der Spinnerweg zwei Eigentümer hat
Die Eigentumsverhältnis des Spinnerwegs sind übrigens historisch bedingt und in Gemeinden mit industrieller Geschichte kein Einzelfall. In Zeiten der Industrialisierung standen Werkserfordernisse im Vordergrund. Die neuen Betriebe legten auch Wert auf möglichst benachbart gelegene Wohnsiedlungen für ihre Belegschaft. Die Frage nach „Öffentlichkeit“ der Erschließungsstraßen spielte keine Rolle und war bis 1962 auch gesetzlich uneinheitlich geregelt.
Der nun geschlossene Spinnerweg gehört im östlichen, etwa 400 Meter langen Abschnitt der Gemeinde Eitorf und ist in seinem Beginn als öffentliche Straße ausgebaut. Der insgesamt knapp 600 Meter lange, westliche Abschnitt gehört zum einstigen Schoellergelände und befindet sich jetzt im Eigentum der Retzer Industry. Sein inzwischen abgenutzter Bauzustand stammt vermutlich noch aus den 1960er Jahren.
Umweg über die Landesstraße
Für die Bewohner der am Westende des Spinnerwegs gelegenen Häuser sowie Besucher des Jobcenters ergibt sich durch die Sperrung zu Fuß oder mit dem Rad ein bis zu 500 Meter langer Umweg ins Ortszentrum, der über die gesicherten Bahngänge an der Bouraueler Brücke oder Spinnerweg mit entsprechenden Wartezeiten führt. Denn der öffentliche Geh- und Radweg befindet sich südlich der Gleise entlang der Landesstraße 333. Zur Vermeidung der Bahnübergänge haben auch Autofahrer in der Vergangenheit manches Mal einen Schleichweg über das Werksgelände von der westlichen Zufahrt her genommen, was nun ebenfalls nicht mehr möglich ist.
Die Fronten zwischen dem neuen Eigentümer und der Gemeindeverwaltung, die laut dem Bürgermeister eine gütliche Lösung anstrebt, scheinen nach den bisherigen Gesprächen verhärtet. Bürgermeister Viehof fordert eine unverzügliche Öffnung des Weges und scheut auch gerichtliche Schritte nicht, wie er im März mitteilte. Trotz allem hofft er auf eine friedliche Lösung und darauf, dass der Weg wieder geöffnet wird.

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