Verloren im Corona-Dschungel

Der Corona-Dschungel ist undurchdringlich. (Grafik: Inga Sprünken)

Susi Sorglos hat sich infiziert. Zunächst hatte sie eine ganz normale Erkältung, bei der diverse Selbsttests negativ ausfielen. Ihr ging es bis auf einen Schnupfen und ein bisschen Halsweh gut. Darum ging sie ihrem normalen Tagesgeschäft nach und besuchte auch Freunde. Wenige Tage nach einem solchen Besuch jedoch ging es ihr zunehmend schlechter. Sie bekam Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Sie dachte an einen Rückfall und zog sich auf die Couch zurück. Zur Schlappheit kam vermehrt Husten. Nachdem ein erneuter Selbsttest zunächst negativ ausgefallen war, schlug ein Test positiv an – es waren sechs Tage vergangen. Doch es war ein Freitagabend und damit ein denkbar schlechter Zeitpunkt, um Behörden und Ärzte zu erreichen. Sie schrieb eine Mail an das Gesundheitsamt des Rhein-Sieg-Kreises.

PCR-Test, aber wo?

Ein positiver Selbsttest. (Foto: Inga Sprünken)

Susi Sorglos war besorgt und googelte nach PCR-Testmöglichkeiten – sie war gerade bei ihrem Lebensgefährten im benachbarten Bundesland. Der Anruf bei der nächstgelegenen Teststelle, die übers Wochenende geöffnet hatte, endete mit der Aussage: „Nein, wenn Sie Symptome haben, dürfen wir Sie nicht testen“. Diverse Internetrecherchen weiter hatte Susi versucht, auf den Internetseiten des Gesundheitsamtes des Rhein-Sieg-Kreises weiterzukommen. Dort gab es ein „virtuelles Corona-Team“, das den Suchenden helfen sollte. Doch allein das Ausfüllen erwies sich als schwierig. Dumme Fallstricke wurden zur Geduldsprobe – hatte Susi Sorglos doch dummerweise die Hausnummer mit Zusatz angegeben. Sie wollte es korrigieren, doch das System machte nicht mit und zeigte immer wieder die gleiche Fehlermeldung. Nach einigen Versuchen gab sie auf.

Immerhin jedoch erhielt Susi diverse Informationen zur Verordnungslage, nämlich, dass man einen PCR-Kontrolltest durchführen lassen müsse. „Wenden Sie sich hierfür an ein Testzentrum oder Ihren Hausarzt“, hieß es auf der Internetseite. Das mit dem Testzentrum war ja schon gescheitert, der Hausarzt am Wochenende nicht zu erreichen und überdies weit entfernt in Köln angesiedelt. Als der Montagmorgen kam, versuchte Susi Sorglos bei verschiedenen Ärzten im näheren Umkreis eine Information zu bekommen, was sie denn jetzt zu tun hatte und wo sie sich testen lassen könne. Doch es war Montagmorgen – alle Leitungen bei sämtlichen Ärzte dauerbesetzt.

Das virtuelle Corona-Team

Der PCR-Test war positiv. (Foto: Inga Sprünken)

Das Gesundheitsamt selbst war ebenfalls nicht zu erreichen. „Wir haben das Bürgertelefon abgeschaltet“, erklärte dazu später eine Pressesprecherin des Rhein-Sieg-Kreises mit Verweis darauf, dass ja alle Informationen auf der Internetseite stünden. Die Frage, wie denn ältere Leute in so einem Fall zurecht kämen, wurde mit Verweis auf den Hausarzt beantwortet. Susi Sorglos war ratlos. Wollte sie sich doch gerne testen lassen – aber wo denn nur??? Schließlich entschied sie sich, den PCR-Test selbst zu bezahlen und nicht wieder im Vorfeld zu vermelden, dass sie symptomatisch sei.

Jetzt hatte sie Glück. Nachdem sie per Paypal 75 Euro bezahlt hatte, ergatterte sie endlich einen Termin im Medicare-Testzentrum in Siegburg – dem Kreishaus gegenüber. Nach dem sehr unkomplizierten Test-Verfahren fuhr sie unverzüglich nach Hause. Am nächsten Tag (einem Dienstag) schon kam früh das Ergebnis: positiv! Und jetzt weiter? Immer noch nicht hatte das Siegburger Gesundheitsamt sie kontaktiert. Verzweifelt schrieb sie erneut eine Mail und diese nicht nur an das Gesundheitsamt, sondern zusätzlich an eine zentrale Adresse und an die Pressestelle und fügte der Mail ihren positiven PCR-Test bei. Offensichtlich hatte aber auch das Labor das Gesundheitsamt informiert. Fast postwendend kam eine sms mit der Bitte, die Formulare auf den Seiten des Gesundheitsamtes auszufüllen.

Echte Menschen am Telefon!

Die erste von acht Seiten Ordnungsverfügung. (Foto: Inga Sprünken)

Endlich! Man hatte sie erhört. Und die Pressestelle rief an und zeigte ihr Unverständnis darüber, dass Susi nicht in der Lage gewesen war, sich durch den kreiseigenen Corona-Dschungel zu kämpfen. Schließlich sei sie ja Fachfrau. Susi Sorglos informierte ihren Lebensgefährten, der sich umgehend auch in Quarantäne begab. Er wiederum informierte das für ihn zuständige Gesundheitsamt. Dieses war erstaunlicherweise sofort telefonisch zu erreichen – und nicht nur das! Es rief sogar zurück. Die Behörde ordnete einen PCR-Test für den nächsten Tag an. So hätte sich Susi Sorglos das auch gewünscht…

Doch dieses Mal schaffte sie sogar, es mit „virtuellen Corona-Team“ des Rhein-Sieg-Kreises aufzunehmen. Und brav blieb sie Zuhause. Am übernächsten Morgen schellte es an der Tür und ein Vermummter stand vor ihr. Mit langem Arm überreichte ihr der Mann eine „Ordnungsverfügung mit der Androhung von Zwangsmitteln“ der örtlichen Behörde, auch Quarantäne-Anordnung genannt. Nachdem man ihr darin gute Besserung gewünscht hatte, wurde Susi Sorglos auf acht Seiten darüber informiert, was sie zu tun und – vor allen Dingen – zu lassen hatte. Zum Glück ging es ihr zu diesem Zeitpunkt schon wieder gut, so dass sie sich erfolgreich durch den Papier-Berg kämpfen konnte – mit dem Wissen, in zwei Wochen wieder frei sein zu dürfen.

Verloren im Dschungel. (Foto: Inga Sprünken)

Seither macht es sich Susi Sorglos in der Quarantäne Zuhause gemütlich und erholt sich von ihrem Ausflug in den behördlichen Corona-Dschungel.

 

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