Der Selbstmord am Strand

Drei Stolpersteine erinnern an die Juden wie Ilse Fröhlich und ihre Familie. (Foto: Inga Sprünken)

Sie waren jung und verliebt – darum wollten sie zusammen sterben. Ilse und Rudolf waren erst 20 und 24 Jahre alt, als man ihre leblosen Körper in einem Strandkorb in Greifswald entdeckte. Sie wies zwei Schusswunden in Kopf und Herz auf, er eine Kopfwunde, an der er kurze Zeit später im Krankenhaus starb. „Wenn ihr diesen Brief bekommt, dann haben Rudi und ich uns erschossen“, beginnt ein Brief an ihren in Siegburg lebenden Vater. In dem bedankt sich die Jüdin für alles, was dieser für sie getan hat. Hintergrund des gemeinsamen Selbstmordes waren die Nürnberger Gesetze von 1935. Die verboten die Liebesbeziehung und die Heirat zwischen Juden und Staatsbürgern deutschen Blutes. Die 1919 in Bonn geborene Ilse Fröhlich hatte Rudolf M. kennengelernt, bevor 1937 zur Wehrmacht eingezogen worden war. Er selbst hatte einen jüdischen Vater und eine deutsche Mutter und war im katholischen Glauben erzogen worden. Im Juni 1939 hatte Ilse ihn in Greifswald besucht und den gemeinsamen Selbstmord vorbereitet.

Stolpersteine markieren das Haus

Das Haus in der Kaiserstraße 20, in dem Ilse mit ihrem Vater gelebt hatte, wird durch drei Stolpersteine markiert. Folgt man den Stolpersteinen des Künstlers Gunter Emnig in der Siegburger Fußgängerzone, gelangt man zu weiteren vergessenen Punkten. In der Holzgasse etwa markiert einer das Haus Nummer 27. In dessen Keller finden sich Reste einer spätmittelalterlichen Mikwe (rituelles jüdisches Tauchbad). Deren Wasser dient traditionell nicht nur der Hygiene, sondern noch heute der Reinigung von ritueller Unreinheit. Als solche gilt nach jüdischer Tradition, wer etwa mit Toten in Berührung gekommen ist. Mikwen müssen sieben Stufen haben, die ins mindestens 500 Liter fassende Becken hinab führen. Das Wasser muss „lebendig“ sein, also entweder Regenwasser oder Grundwasser entstammen.

Viele Juden lebten in der Siegburger Holzgasse. (Foto: Inga Sprünken)

In Deutschland gibt es noch etwa 400 Orte, an denen sich Mikwaot (Mehrzahl) nachweisen lassen. Die bekannteste in unserer Region ist die auf dem Kölner Rathausplatz. Das Rheinische Amt für Bodendenkmalpflege hatte 1993 gezielt in Siegburg danach gesucht. Der Hausname „Zum Judenbad“, der noch bis 1521 geführt wurde, hatte darauf hingewiesen. Die „schlichte Kellermikwe“ – als solche war sie 1473 erstmals erwähnt worden – beweist, dass die Siegburger Juden bereits während des Spätmittelalters den Sprung ins Stadtinnere geschafft hatten. Zuvor war ihnen verboten gewesen, innerhalb der Stadtgrenzen zu siedeln. Die Mikwe ist nicht öffentlich zugänglich. Sie wurde nach ihrer wissenschaftlichen Untersuchung und Dokumentation wieder zugeschüttet.

Die Schule wurde in den 70er Jahren abgerissen

Weitere Steine finden sich nahe der Brauhof-Passage (Holzgasse 26). Dort erinnert ein Brunnen in Form eines Davidsterns seit 1985 an die einstige Synagoge an dieser Stelle. Am Brauhof (Holzgasse 26) war sie Mitte des 18. Jahrhunderts zunächst als Anbau des Hauses Holzgasse 10 erbaut worden. Am 22. Oktober 1841 wurde sie durch eine neue Synagoge in der Holzgasse 26 ersetzt. Ihr direkt gegenüber stand einst die 1859 für 50 Kinder auf Initiative des Synagogenvorstehers Isaac Bürger erbaute jüdische Elementar- und Religionsschule. Diese war am 30. Juni 1942 geschlossen worden. Anfang der 1970er Jahre wurde sie im Zuge der Sanierungsarbeiten in der Holzgasse einfach abgerissen. Der Gedenkstein am Brunnen erinnert an den Lehrer Salomon Seelig, der dort bis 1932 unterrichtete. Die Synagoge wurde indes bereits am 10. November 1938 bei einem Brand in der Reichskristallnacht zerstört.

Das erlebte auch noch Ilse Fröhlich mit. Deren letzter Wunsch, „dass ihr Rudi und mich zusammen in ein Grab legt“, wie es aus ihrem letzten Brief hervorgeht, war nicht erfüllt worden. Ilse wurde auf dem jüdischen Friedhof in Siegburg beigesetzt. Rudolf erhielt auf dem Bonner Nordfriedhof ein Reihengrab, das nach 15 Jahren eingeebnet wurde.

Die Spuren der Juden: Ein Brunnen in Form eines Davidsterns erinnert an den Standort der Synagoge. (Foto: Inga Sprünken)
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