Die Hexenmühle im unheilvollen Tal

Die Riesenmühle im Wispertal. (Foto: Inga Sprünken)

Das Wispertal ist ein verwunschenes kleines Tal im Rheingauer Gebirge, in dem sich die Wisper wildromantisch zum Rhein hinab schlängelt. Es erschließt eine Verbindung von Lorch am Rhein nach Bad Schwalbach. Dass es schon im Mittelalter ein wichtiger Verkehrsweg war, bezeugen die Burgruinen Schwarzenberg bei Geroldstein, die Lauksburg, die Kammerburg und die Sauerburg sowie die dazu gehörenden Mühlen. Anfang des 20. Jahrhunderts war das romantische Tal ein beliebtes Ausflugsziel, von dem die inzwischen fast alle geschlossenen Ausflugslokale zeugen, die teilweise einst Mühlen waren. Es gab die Kammerburger Mühle, die zur Kammerburg gehörte, die Lauksmühle, die zur Lauksburg gehörte, die Hexenmühle und die Riesenmühle.

Die Reste der Riesenmühle. (Foto: Inga Sprünken)

Die unheimliche Ruine der Riesenmühle liegt noch heute südlich von Springen am Dornbach. Ihren Namen erhielt sie seit 1800 vom oberhalb liegenden Riesenberg. 1790 wurde sie erstmals als Dachsmühle erwähnt und war eine von zwei reinen Getreidemühlen des Wispertales. Nach Ausbau der Wisperstraße im Jahr 1883 war sie seit 1889 Gastwirtschaft und wurde 1925 und 1933 zu einer Pension erweitert. Ihre Ruine besteht aus einer Gebäudegruppe mit drei Abschnitten: einem zweigeschossigen Hauptgebäude mit Mansarddach und Gauben. Westlich gibt es ein überstehendes Obergeschoss. Das Fachwerk aus dem 18. Jahrhundert ist verputzt, die Giebelseite verschiefert. Das Erdgeschoss und gleichartige Osthälfte sind massiv. Östlich schließt ein jüngeres eingeschossiges Wirtschaftsgebäude mit verschiefertem Satteldach an.

Die Rückfront der Riesenmühle. (Foto: Inga Sprünken)

Die gruseligen Reste der Riesenmühle

Die Geschichte der Riesenmühle ist mindestens so unheimlich, wie die der Hexenmühle. Es wird erzählt, dass der letzte Bewohner der Riesenmühle ein alter nierenkranker Mann war. Die einstige Mühle mit Lokal und Pension waren schon im Verfall begriffen, als 1998 noch die Mülltonne vor der Tür und ein Auto auf dem Parkplatz standen. Das Haus war nicht an die öffentliche Stromversorgung angeschlossen, sondern erzeugte seinen Strom durch einen Stromgenerator. Der alte Mann hatte einen Teil der Riesenmühle an eine Band vermietet. Die wiederum probte mit modernem Equipment und brauchte sehr viel Strom, so dass die lebenserhaltenen Maschinen, die der Kranke benötigte, ausfielen. Er kämpfte mit dem Tod und rief um Hilfe. Die Musiker hörten das und wollten ihm zur Hilfe eilen. Doch die beiden Dobermänner des Mannes verhinderten dies. Sie zerfleischten jeden, der dem Mann zu Nahe kam, so dass er elendiglich starb.

Die Decke zum Obergeschoss ist zerstört. (Foto: Inga Sprünken)

Das Haus verfiel mehr und mehr. Aus dunklen Fensteröffnungen scheint den neugierigen Besucher jemand anzuschauen. Im Kellerraum soll sich noch das Wasserrad finden, das mit dem Bach betrieben wurde und ein Labor, denn der letzte Bewohner soll ein Chemiker gewesen sein, der hier Experimente durchführte. Ist er dadurch nierenkrank geworden? Man weiß es nicht. Wer jedenfalls durch das unheimliche Gemäuer schleicht, riskiert, von herabhängenden Balken erschlagen zu werden oder in den Boden einzubrechen. Im Keller steht noch der alte Stromgenerator, liegen Matratzen, Kochsalzlösungen und Einmalspritzen herum. Die Treppe ins Erdgeschoss ist noch begehbar. Dort stößt man auf einen Spruch an der Wand: „Wer hier chillt, ist ein Opfer“. Man sagt, bei Vollmond werde nachts um zwei Uhr im Haus gekocht. Dann sei das Licht angeschaltet – jedoch sind alle Lampen abgeschraubt.

Das scheint die Küche gewesen zu sein. (Foto: Inga Sprünken)

Das Märchen von der Hexenmühle

Über die nicht mehr erhaltene Hexenmühle kursieren viele Geschichten. Eine von ihnen erzählt vom Hexenmüller: Es ist schon Hunderte Jahre her, da kam ein Mann ins Wispertal, der ein gutes Ohr hatte, um die versteckten Geheimnisse der Schöpfung der Wisper abzulauschen. So gewann er Einfluss über die Leute aus den Dörfern ringsum und wurde von allen der Hexenmüller geheißen, er kam ihnen vor wie ein Hexenmeister. Denn tatsächlich verstand er es, die wunderbaren Kräfte der Natur zu nutzen, die dem Menschen geschenkt werden, wenn er versteht auf sie zu lauschen. Es lebten zu dieser Zeit kaum Menschen im Wispertal. Die alten Raubburgen Geroldstein und Laukenburg waren vom Höhenwald bis auf ein paar Mauerreste zurückerobert worden.

Die Natur erobert sich alles zurück. (Foto: Inga Sprünken)

Der Hexenmüller war als Fremder ins Tal gekommen. Da, wo sich die Wisper dicht an die Wildweibeley drängt, siedelte er sich in der Einsamkeit an. Bei den Leuten stand die Wildweiberley in bösem Ruf: Steinharter Trotz habe die Felsblöcke übereinander geschichtet und niemand zweifelte, dass hier ein Wildweib oder ein Wassergeist hauste. Keiner aus den Dörfern hätte hier auch nur eine Nacht schlafen wollen, aus Furcht vor schweren Träumen, in denen das Gemurmel des Bachs sie verfolgt hätte. Der Fremde aber lachte darüber und ihm war recht, dass sie seinen Ort am Abend mieden. Er brach von dem verfluchten Felsen die Steine für sein Haus und hatte niemanden zu Hilfe als eine wortkarge und menschenscheue Magd.

Dennoch kamen die Bauern mit ihren Hörnerschlitten zur von ihm erbauten Wildmannsmühle, um ihr Korn mahlen zu lassen. Und weil er der einzige war, leistete der Wildmannsmüller es sich, für Stunden oder Tage in den Wald zu verschwinden, die alte Magd begleitete stattdessen den Mahlgang. Als einmal ein Bauer dringlich Hilfe brauchte, da seine Frau vom hitzigen Fieber befallen war, kam er mitten in der Nacht durch das Tal. Es war kurz nach Neumond und nur eine kleine Sichel begleitete ihn auf den dunklen Pfaden. Die Bäume schienen nach ihm zu greifen. So kam er mit pochendem Herzen auf eine kleine runde Lichtung. Plötzlich erhob sich dort ein Riese vor ihm und kam auf ihn zu. Neben seinem Mantel sprang ein Wolf hervor, dessen Auge zu glühen schien. Der Bauer erkannte den Wildmannsmüller und seinen Hund nicht. Zu übermächtig schien er, eher wie ein Waldgeist.

Geheimnisvolle Treppen im Wald. (Foto: Inga Sprünken)

Geheime Heilkräfte

Der Müller wollte wissen, was der Bauer zu dieser Zeit hier zu suchen habe. Der berichtete vom Fieber seiner Frau. Da winkte der Müller dem Mann, er solle ihm den Hang hinab folgen und sprang schnell über die schieferglatte Steige zur Mühle hinab. Der Bauer musste draußen warten und wusste nicht, ob er lebend davon käme. Schließlich knarrte die Tür und er erkannte im Licht eines brennenden Kienspans den Müller. Der drückte ihm etwas in die Hand und befahl ihm, zu seiner Frau zu gehen und ihr daraus Tee zu kochen. Der Bauer eilte den Berg hinauf und erst am Hilgenstock, wo der Weg nach Strüht abbiegt, blieb er keuchend stehen und überlegte, ob er den Hexentee fortwerfen oder ihn an seiner Frau ausprobieren solle. Weil er Angst hatte, es sich mit dem Müller zu verscherzen, entschied er sich für den Tee. Nachdem aber die Frau den Zaubertrank getrunken, floss alsbald der Schweiß und am dritten Tag zankte sie vom Melkstuhl aus wieder mit dem Mann wie in ihren besten Tagen.

Von Stund an hieß der Wildmannsmüller der Hexenmüller. Als das nächste Mal einer kam, um ihn zu bitten, erschreckte er auch ihn mit seinem Teufelshund, dass der Bittsteller brüllend davon lief. Von einem Fuhrmann wurde erzählt, dass er im Gladbacher Wirtshaus im Rausch den Hexenmüller verspottet hätte. Dieser bannte mit seinem Blick die Pferde auf dem Fleck fest, dass der Fuhrmann seinen Wagen nicht mehr bewegen konnte, auch wenn er wütend mit der Peitsche auf die Gäule schlug. Das Gewurzel und Gestrüpp um die Hexenmühle wurde dicht und dichter und heimliche Gerüchte machten sich breit. Dabei kamen die Bauern immer noch mit ihren Säcken in die Mühle, verrieten aber von dem Gerede kein Sterbenswörtchen. Dennoch: In den Dörfern ging man heimlich zum Hexenmüller, wenn man krank war.

Wer dem Wald lauscht, erhält Kräfte. (Foto: Inga Sprünken)

Die Leute ahnten, welche Naturkräfte dem Müller gehorchten und lobten ihn. Es kam die Zeit, da in der Einsamkeit des Wipertales die redenden Wälder und das Rauschen der Wasser zu verstummen schienen und einem neuen, unerhörten Lärmen Platz machte. Das war der Krieg. Die Franzosen kamen und mit ihnen die Unruhen um die Freiheit. Durch das Wispertal führte damals kein Fahrweg. Wieder war Nacht. Der Müller genoss draußen im Wald den Vollmond über dem tiefen Tal. Er trug ein dunkles Bündel im Arm – ein Kind, ein schneeweißes mit schwarzen Haaren und schwarzen Augen, ein kleines Mädchen. Keiner wusste, wo es herkam. Die Mühlsteine spürten das neue Leben, das schwerfällige Wasserrad traute sich kaum seine Runde zu drehen, ohne zu fragen: schläft das Kind oder ist es wach? Die Tannen wunderten sich, was da für ein feines Kind tobt, das den Käfern und Schmetterlingen nachläuft auf der Wiese und durch den Bach watet.

Der Tod eines Mädchens

Der Hexenmüller vergaß die Arbeit und den Wald über dem Kind und sogar das Grollen des Krieges unten im Rheintal. „Irmtraud, Klein Irmtraud!“, sang der Bach. Von Stund an wies der Hexenmüller niemanden mehr ab, der wegen einer Krankheit bei ihm anklopfte. Und mancher fragte sich: ist der Hexenmüller ein Gottesmann oder ein gefährlicher Schwarzkünstler? Doch er konnte nicht das Ende von Klein-Irmtraud und sein eigenes abwenden. Die Kriegszeiten nahmen der Armut die letzte Kuh aus dem Stall und raubten den letzten Sohn zu den Soldaten. Hinter elenden ausgemergelten Gestalten schlich der Tod durchs Tal und kam in die Dörfer. Eines Tages wanderte er im Gefolge des Elends in die Hexenmühle. Der Müller war auf seinen verschwiegenen Gängen im Wald und Irmtraud hieß freundlich den Tod samt Begleitern in die Stube. Der Tod setzte sich auf den Kasten unter der Standuhr, auf den Lieblingsplatz Klein-Irmtrauds.

Ruinenreste. (Foto: Inga Sprünken)

Als der Müller zurückkam und in die Stube trat, verfärbte sich sein Gesicht. So hatte noch niemand den Hexenmüller sich entsetzen sehen. Dann wurde er zornig und der Tod erhob sich und ging vornübergebeugt, mit einem leichten Kopfnicken und einem bösen Lächeln zur Tür hinaus. Am Abend lag Irmtraud fiebernd im Bett. Der Hexenmüller stand dabei. Irmtraud hatte die Pocken. Anderntags, als die Schatten der dunklen Tannen an die einsame Mühle rührten, kam der Tod noch einmal am Fenster vorbei. Als das Kind gerade hinsah, blieben ihm die Augen offen stehen und es war tot. Der Hund winselte vor der Tür. Und der Hexenmüller schlug drinnen mit dem Kopf auf die Bettlade, die alte Magd krümmte sich hinter ihm zu Boden.

In der Hexenmühle brannte das Totenlicht bei Klein-Irmtrauds Bettchen. Der Hexenmüller saß und regte sich nicht. Er hatte die Geheimnisse der Natur gegen den Tod verwandt. Nun hatte der Tod sich gerächt. Doch der Müller wollte es dem Tod heimzahlen. Im Schuppen holte er ein altes Reisigbündel und schichtete es dort, wo das Totenlicht brannte. Im Nu ging alles in Flammen auf. Der Hexenmüller verschwand im brennenden Haus und kam nie wieder hervor. Der heulende Hund und die alte Magd flüchteten in den Wald. Im Laufe der Zeit zogen Wildwuchs und Unkraut sich über das rauchschwarze Gemäuer hin. Irgendwann kam ein Bauer und legte an dem verwunschenen Ort eine Wiese an, dort wo jetzt ein Brücklein die Wisper überspannt. Und im Dunklen wispern noch heute die Wälder und der Bach: “Gleich kommt der Hexenmüller!”

Der Mühlbach. (Foto: Inga Sprünken)

Das wunderschöne Wispertal scheint verflucht zu sein. In ihm sterben jährlich Menschen. Das liegt nicht zuletzt an der kurvigen Straße, die bei Motorradfahrern sehr beliebt ist, so dass hier viele Unfälle passieren. Das ist ein Grund für verstärkte Kontrollen der Polizei. Manche sagen, dass das wiederum zum Aussterben der einst vielen Ausflugslokale mit beigetragen hat. Doch es scheint noch andere Gründe zu geben….

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