Die geheimnisvolle Göttin in der Eifel

Das Matronenheiligtum. (Foto: Inga Sprünken)

Es geht um eine uralte Göttin in der Eifel – und ein Märchen, das eigentlich jeder können müsste. Einst hatte eine Witwe zwei Töchter. Eine war schön und fleißig, die andere hässlich und faul. Diese aber hatte sie viel lieber, weil sie ihre rechte Tochter war. So musste die andere alle Arbeit tun und war das Aschenputtel im Hause. Sie musste am Brunnen sitzen und spinnen bis ihre Finger blutig waren, während die andere sich ein schönes Leben im Haus machte. Eines Tages fiel dem armen Mädchen beim Säubern die blutige Spule in den Brunnen. Die Stiefmutter schalt sie und sagte, sie solle in den Brunnen springen und sie wieder heraus holen.

Im Brunnen verschwand die blutige Spule. (Foto: Inga Sprünken)

Das Mädchen sprang hinab und erwachte auf einer Wiese. Dort zog sie ein längst ausgebackenes Brot aus einem Ofen, weil es im Ofen schrie und darum bat. Ein Apfelbaum bat sie, die reifen Äpfel herab zu schütteln. Auch das tat das fleißige Mädchen und kam so zu einer uralten Frau mit großen Zähnen. Sie erschreckte sich, doch die Alte war freundlich uns sprach zu ihr, sie solle sich nicht fürchten und ihr von nun an zu Diensten sein. Sie trug dem Mädchen auf, fleißig die Betten zu schütteln, so dass die Federn nur so hinausflögen. Dann schneie es auf der Welt, sagte die Alte, die keine andere war, als Frau Holle.

Das Märchen von Frau Holle geht die Verehrung der Urmutter zurück. (Foto: Pixabay)

Obwohl es ihr gut bei der Alten ging, wollte das Mädchen wieder zurück nach Hause, weil es Heimweh hatte. Frau Holle führte sie durch ein Tor, wo Gold auf sie fiel. Sie gab ihr die Spule wieder und das Mädchen kehrte als Gold-Marie zurück zu Mutter und Schwester. Dort erzählte sie, was ihr geschehen war. Die Mutter wollte, dass auch die andere Tochter ein solches Glück haben sollte und hieß sie, in den Brunnen zu springen. Auch sie landete auf der Wiese. Doch dort kam sie weder den Bitten des Brotes, noch des Apfelbaumes nach und schüttelte auch die Betten der Alten nicht ordentlich aus. Als das faule Mädchen Frau Holle bat, sie zurückzubringen, führte diese sie zum selben Tor, wie die Fleißige. Doch statt Gold fiel Pech auf sie herab. Als Pech-Marie musste sie ihr ganzes restliches Leben damit verbringen.

Frau Holle als uralte Göttin

Das Märchen der Gebrüder Grimm geht zurück auf einen uralten Glauben, nämlich der Verehrung einer Muttergöttin. Und dieser, der Matrone, wiederum ist ein Heiligtum auf einem Hügel oberhalb des Urfttales bei Nettersheim in der Eifel gewidmet. Dort trifft man auf drei quadratische Mauerreste, die mit Blumen und Kränzen geschmückt sind. Während im Inneren des Quadrats verbrannte Erde auf eine Feuerstätte schließen lässt, sind die äußeren Mauern von Gedenksteinen umgeben. Darauf wiederum finden sich die Darstellungen dreier Frauen mit seltsamen Kopfbedeckungen. Dieser uralte Kultplatz mit einem Erdaltar im Zentrum war in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts nur mit einem Holzzaun umfriedet. In der Mitte des zweiten Jahrhunderts wurde hier ein Tempel errichtet, dessen Reste die Einwohner die „Görresburg“ nannten.

Der Tempel der Göttin.
Die “Görresburg” bei Nettersheim. (Foto: Inga Sprünken)

Es handelt sich um die Reste eines gallorömischen Tempelbezirks, der noch bis Anfang des fünften Jahrhunderts genutzt wurde. Eine Umfassungsmauer umschloss die Kultstätte, die aus drei separaten kleinen Bauten bestand. Auch außerhalb dieser Mauer wurden Gebäudereste gefunden. Und noch heute tut sich hier einiges. Kommt man des Nachts an diesen Ort, hört man ein Raunen und Rascheln. Der Duft von verbrannten Kräutern liegt in der Luft, denn das Matronenheiligtum wird manchmal noch (oder wieder?) für Rituale genutzt. Davon zeugen Opfergaben wie Obst, Blumengebinde oder Feldfrüchte vor den Weihesteinen der heiligen Matronen.

Die Kultstätte in der Eifel.
Die Weihesteine des Matronenheiligtums. (Foto: Inga Sprünken)

Die uralte Tempelanlage befand sich einst in direkter Nähe zu der römischen Kleinsiedlung Macromagus. Der Name findet sich noch heute in dem Ort Marmagen in unmittelbarer Nähe wieder. Die Bezeichnung „Görresburg“ geht indes auf die alte Flurbezeichnung der Fundstätte zurück, die aus der Zeit vor der Entdeckung des gallorömischen Matronenheiligtums im Jahr 1919 stammt. Dieses zählt zu den bedeutenden Funden in der römischen Provinz Germania inferior. Mehr als 40 Matronendenkmäler und Weihesteine wurden hier ausgegraben, was auf eine intensive Benutzung der Kultstätte schließen lässt. Die Originale finden sich heute im Rheinischen Landesmuseum.

Die Weihesteine werden noch heute geschmückt. (Foto: Inga Sprünken)

Die Verehrung der Göttin

In den Jahren 1976 und 1977 wurde die Kultstätte teilrekonstruiert. Das Heiligtum am nördlichen Teil der einstigen Siedlung an der Agrippastraße und ist heute Teil des Archäologischen Landschaftsparks in der Urftaue. Verehrt wurden hier die Muttergottheiten. Bei den Germanen etwa war dies die mütterliche Erde mit Namen Nerthus. Frau Holle indes soll die große Göttin Perchta gewesen sein. Sie tritt als Schicksalsgöttin auf, die die Lebensfäden spinnt und abschneidet. Ihre Wurzeln reichen zurück bis in die jungsteinzeitliche matriachale Kultur. Spinnen und Weben galt als magische Kunst, mit der Frau Holle die Jahreszeiten entstehen ließ. Bis ins 18. und 19. Jahrhundert war ihre Göttinnengestalt noch im Volksglauben lebendig.

Frau Holle ist eine alte Göttin.
Die Kultstätte veränderte sich im Laufe der Zeit. (Foto: Inga Sprünken)

Das einfache Volk feierte acht Mysterienfeste für Geburt, Liebe, Tod und Wiedergeburt. Frau Holle wurde – wie auf den Weihesteinen im Matronenheiligtum – dreifach dargestellt als Jungfrau, Liebesgöttin und weise Alte. Die Symbolik des Jahres– und Lebenskreislaufes findet sich im Mythenschatz der Frau Holle wieder. Das gilt besonders für die Raunächte, die heute wieder an Bedeutung gewonnen haben. In vielen vorchristlichen Kulturen gab es auch die Vorstellung, dass ein Lebensbaum Himmel, Erde und Unterwelt miteinander verbindet und an seinen Wurzeln Schicksalsgöttinnen wie Frau Holle wirken.

Reste der gallorömischen Siedlung im Urfttal. (Foto: Inga Sprünken)

Auch der Berg bildet das dreistöckige Weltbild mit den Zonen Himmel, Erde, Unterwelt ab. Frau Holle ist die Wettermacherin, was der Himmelsgöttin entspricht, die Fruchtbarkeit schenkende Frau und Mutter des Lebens und die Erdgöttin. Ihr Äußeres wiederum spiegelt das Land zu den verschiedenen Jahreszeiten wieder – als wunderschöne Frau in langen weißen Gewändern oder als hässliche Alte in zerlumpter Kleidung mit wirrem Haar. Sie wohnt in Bergen, Höhlen, Brunnen, Seen und tiefen Wäldern, wo sie in der Tiefe die toten Seelen bewacht. Gleichzeitig hütet sie als Unterwelt-Göttin altes Wissen und praktische Künste. Sie kann hilfreich und segensbringend, aber auch zerstörerisch und strafend sein. Ihr Baum ist der Hollerbusch (Holunder).

Ein uraltes heidnisches Symbol ist das Pentagramm. (Foto: Pixabay)

Die Göttin und alte Feste

Diese Urmutter repräsentiert in all ihren Erscheinungsformen und Namen den Reichtum vergangener Kulturen und deren Jahreszyklus. Christliche Feste erinnern an die alten Feste, die so tief und unauslöschlich im Volk verwurzelt waren, dass sie mit neuen Namen bedacht wurden. Das ist Yule (Julfest) am 21. Dezember: Weihnachten, Imbolc am 2. Februar: Maria Lichtmess, Ostara (Frühjahrstagundnachtgleiche) am 21. März: Ostern, Beltane am 1. Mai: Maifest, Walpurgisnacht, Litha: Sommersonnenwende oder Johanni am 21. Juni, Lughnasad: Maria Himmelfahrt am 1. August, Mabon (Herbsttagundnachtgleiche): Erntedankfest am 23. September und Samhain am 1. November: Allerheiligen oder Halloween. Hinzu kommen die zwölf Rauhnächte vom 25. Dezember bis 6. Januar (Heilige Drei Könige).

An Halloween wird es gruselig. (Foto: Inga Sprünken)

An Samhain, das unsere keltischen Vorfahren als Jahresbeginn feierten, sind nach der Überlieferung die Schleier zwischen dem Reich der Toten und der Lebenden nur dünn, sodass man hindurchsehen kann. Das spiegelt sich in den anglo-amerikanischen Halloween-Feiern wider, bei denen gruselige Gestalten durch die Nacht irren und die Häuser mit Skeletten und Hexen geschmückt sind. Die Kelten läuteten mit diesem Ahnenfest das Ende der Erntezeit und den Anfang der düsteren Zeit des Winters ein. Symbolisch steht Samhain für den Abschied von dem was war, um ohne Ballast in ein neues Jahr gehen zu können. Dazu gehört auch die Versöhnung mit den Verstorbenen. An Yule wiederum wird das Licht neu geboren.

An Halloween sind die Schleier zum Jenseits dünn. (Foto: Inga Sprünken)

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