Ein Spaziergang für die Freiheit

Spaziergang in Gummersbach. (Foto: Gabriele Krüper)

Die Spaziergänge, Mahnwachen und Demonstrationen nehmen im ganzen Land rasant zu – am Montag sollen es bundesweit über 1600 gewesen sein; in NRW gingen allein in rund 140 Städten und Dörfern die Menschen auf die Straße. Für die Grundrechte, für die Meinungsfreiheit, gegen die Impfpflicht, gegen Nötigung, gegen die Spaltung – das Themenspektrum ist breit. Rollt jetzt ein Welle von Nazis und Gewalttätern über Deutschland, wie es allgemein postuliert wird?

Gemeinsam und friedlich gehen alle spazieren. (Foto: Gabriele Krüper)

„Das ist eine glatte Unverschämtheit“, sagt Barbara Dean, die von Kierspe nach Gummersbach gereist ist, um an diesem Montag am Spaziergang teilzunehmen. Seniorin Dean sieht sich als treue Staatsbürgerin, die immer ihre Steuern gezahlt und sich an die Gesetze gehalten hat. Um sie herum stehen Mütter und Väter mit Kinderwagen, junge Paare, Rentner, Gruppen von Freunden, viele tragen Kerzen oder haben Lichterketten umgehängt – auch Mäxchen, der kleine Terrier von Barbara Dean, trägt ein rosa Lichtband.

Wachsende Zweifel an der Impfkampagne

Initiator der Aktion ist die Gruppe „Gesundheitswesen Oberberg“ – aber die Teilnehmerschar ist bunt gemischt, unter ihnen viele Geimpfte. Friedlich ziehen sie durchs Zentrum, und am Ende spielen Profi-Musiker auf der Tuba, Trompete und Trommel ein lustiges Lied. Nazis? Gewalttäter? „Kein Einziger“, konstatiert Barbara Dean, die mal vorn, mal hinten im Zug mitgeht. Die Stimmung unter den – polizeilich offiziell festgestellten – 1800 Teilnehmern ist entspannt, auch die Uniformierten schauen gelassen zu.

Szenen wie in Gummersbach sind allenthalben die Regel. Seit Wochen treibt ein allgemeines Unbehagen immer mehr Menschen bei Wind und Wetter nach draußen. In der Region sind es unter anderem Wiehl, Engelskirchen, Rosbach, Much, Ruppichteroth, Neunkirchen-Seelscheid, Lohmar, Siegburg, Hennef. In Köln und Bonn marschierten jüngst mehrere tausend Menschen. Es werden immer mehr.

Müssen Deutschlands Bürger nun eine Welle der Gewalt fürchten? Nun – es sind die Bürger höchstselbst, die dort marschieren. Man trifft sozusagen Otto Normalverbraucher, Geimpfte und Ungeimpfte. Unverständnis über die Corona-Politik, Misstrauen nach zwei Jahren ständig sich widersprechender Aussagen, Verordnungen und Gesetzesänderungen sorgt mittlerweile in Teilen der Bevölkerung für wachsende Zweifel. Aktuell mehren sich die Zweifel an der Impfkampagne, die trotz ihrer Massivität selbst den Geimpften keine der versprochenen Freiheiten oder allgemein einen sichtbaren Erfolg gebracht hat.

Vieles wird verschwiegen

Mit Lichtern und Hund durch Gummersbach. (Foto: Gabriele Krüper)

„Wir haben das Gefühl, dass die Meinungsvielfalt abgeschafft werden soll, dass wir uns an eine Fremdbestimmung gewöhnen und nichts mehr hinterfragen dürfen“, sagt ein älterer Demo-Teilnehmer in Gummersbach. „Vieles wurde und wird uns verschwiegen. Die wechselnden Informationen und Anordnungen haben uns immer mehr irritiert. Angst wurde geschürt durch die täglichen neuen Horrormeldungen“, sagt der Spaziergänger, der sich sein Leben lang ehrenamtlich engagiert hat und fest im christlichen Glauben verwurzelt ist. Nazi? Rechtsradikal? „Das ist reiner Schwachsinn“, so sein Kommentar. Aber genau auf diese Weise seien ja auch namhafte Wissenschaftler diffamiert und in die rechte Ecke gestellt worden in den letzten zwei Jahren, wenn sie sich kritisch äußerten. Nun sind halt die braven Spaziergänger dran.

Für viele ist mit der Impflicht eine rote Linie überschritten, die persönliche Entscheidungsfreiheit ausgehebelt. „Die Impfpflicht verstößt ganz klar gegen Artikel 1 und 2 unseres Grundgesetzes“, sagt Almut Koch, Betriebsrätin am Kreiskrankenhaus. Heutzutage sei die unantastbare „Würde des Menschen“ vom Impfstatus abhängig. „Das grundgesetzlich verbriefte Recht, über meinen Körper und meine Gesundheit selber bestimmen zu können, wird mir abgesprochen“, so Koch. Sie beklagt die Spaltung in der Gesellschaft und den Umstand, mit gewaltbereiten Rechtsradikalen in einen Topf geworfen zu werden. „Wir sind auch keine Corona-Leugner“, betont sie.

Dass die Situation an Oberbergs Krankenhäusern wegen der Covid-Patienten prekär sei, bestätigen sich nach mehreren Aussagen von Insidern nicht. Laut der Statistik aus dem DIVI-Register für Oberberg, das Almut Koch ständig präsent hat, seien acht Prozent der Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt – Stand 10. Januar 2022. 16 Prozent seien freie Betten, die restlichen mit anderen Patienten belegt.

Viele tun sich zum Spazierengehen zusammen. (Foto: Gabriele Krüper)

Wie sie beklagen auch andere Mitarbeiter eine „verzerrte Darstellung in der Öffentlichkeit.“ Immer schon habe es, erklärt ein Pfleger, zum Beispiel in den Grippewellen Engpässe gegeben, habe man Patienten verlegt oder Operationen verschoben. „Da müssen am Wochenende nur ein paar Unfallopfer reinkommen, dann wird der Plan umgeschmissen“, so die Pflegekraft. Das sei Klinikalltag, und keiner habe sich bisher daran gestört. Mit den Ungeimpften habe das nun gar nichts zu tun, ergänzt er. „Ich bin kein Corona-Verharmloser“, betont er. Aber man müsse trotzdem „die Tatsachen benennen, die Verhältnismäßigkeit herstellen dürfen – und das darf man heute nicht mehr.“

Als Ungeimpfte den Tod verdient

In der öffentlichen Wahrnehmung ging von Gummersbach die Initialzündung für die Montags-Aktionen aus. „Hochburg der Impfgegner“ hieß es in den Medien. Nadine D. hat die Initiative im November aus einer inneren Not heraus gegründet und ist bis heute überrascht über die überwältigende Resonanz. Als die Altenpflegerin und Mutter von Kollegen gesagt bekam, dass sie als Ungeimpfte quasi den Tod verdient habe, konnte sie eine Nacht nicht schlafen und beschloss am frühen Morgen die Gründung einer Gruppe: „Gesundheitswesen Oberberg“.

Menschen engagieren sich für die Freiheit. (Gabriele Krüper)

Heute hat die Gruppe 450 Mitglieder – fachspezifisch aus den Bereichen Krankenhaus, Altenheim, Pflegedienst, Medizin, Physiotherapie, Geburtshilfe inklusive Service- und Verwaltungspersonal. Bei der ersten Aktion am 29. November liefen bereits 103 Menschen durchs Stadtzentrum. „Ich merkte plötzlich: Ich bin nicht allein“, sagt Nadine D. rückblickend. Und andere freuten sich ebenso über diese Solidarität. „Ich konnte vielen Kraft geben und sie haben mir Kraft gegeben“. Auf der einen Seite „wünschten Menschen mir den Tod, hier erlebe ich, dass wir nicht Menschen zweiter Klasse sind.“

Wegen der großen Resonanz wurden die Spaziergänge umgehend angemeldet, der vierte Montag brachte bereits 1000 Teilnehmer, jetzt ist man bei im Schnitt 2000 angelangt. Das Verhältnis mit der Polizei bezeichnet sie als entspannt, jeden Montag geht ein großes Dankeschön an die Ordnungskräfte. „Wir sind keine Impfgegner, aber wir sind gegen die Impfpflicht“, sagt Nadine D. „Wir wollen nicht gezwungen werden. Das verstößt gegen jedes Recht“. Der Applaus für die Pflegekräfte im letzten Jahr sei nun in Nötigung umgeschlagen. Sie hat regen Kontakt zu Geimpften – auch sie sind bei den Spaziergängen dabei. „Wir lehnen jede Spaltung ab und sorgen hier in Gummersbach für ein friedliches Miteinander. Wer Ärger macht, gehört nicht zu uns“, so die Altenpflegerin. (gk)

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4 Antworten

  1. Super Artikel, spiegelt genau die Stimmung wider , die ich bei all diesen Spaziergängen vernommen habe ! Bitte ganz viel Teilen, er hat es verdient!

  2. Diese Täuschung des Bürgers erinnert an die Parabel vom Frosch, der arglos im Wasser sitzt , während der Koch das Wasser langsam erhitzt. Bevor es der Frosch merkt ist er gekocht. Bei uns ist es so schlimm dass die Ungeimpften Schuld am der Pandemie haben. Leider gelten die Erstgeimpften auch schon wieder als ungeimpft.

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